Ein Meister der Tarnung „gab“ jahrzehntelang erfolgreich vor, eine andere Art zu sein – sogar gegenüber Entomologen.

Eine Studie eines Teams der Universität Sydney (unter der Leitung von Braxton Jones) veröffentlicht am 21 September 2026 in der Zeitschrift Austral Entomology. Die Wissenschaftler überarbeiteten die australischen Vertreter der Gattung Anchiale – großer geflügelter Gespenstschrecken. Früher nahm man an, dass es nur zwei Arten gibt, doch es stellte sich heraus, dass es fünf sind:
- Anchiale albopunctata (nach mehr als einem Jahrhundert der Synonymisierung mit einer anderen Art wieder in den Status einer eigenen Art erhoben),
- A. briareus,
- A. mabiensis (neu),
- A. robusta (neu),
- A. spinicollis.
Der größte „Hochstapler“ ist Anchiale robusta. Jahrzehntelang (mindestens seit den 1970-er Jahren) hielt man ihn für eine bereits bekannte Art, obwohl er recht groß ist: Weibchen erreichen bis zu 16,2 cm. Er lebt in den küstennahen Regenwäldern von Queensland (von Tally etwa 450 km nach Norden bis in Gebiete nördlich von Cooktown). Er wurde häufig fotografiert und sogar gezüchtet, doch richtig bestimmt wurde er erst jetzt – dank DNA (mitochondriales Gen COXI), Museumssammlungen, Feldsammlungen, Daten aus der Bürgerwissenschaft (mehr als 1000 Beobachtungen in iNaturalist und Atlas of Living Australia) und der Untersuchung der Eier.
Die zweite neue Art ist Anchiale mabiensis. Sie ist etwas kleiner und schlanker (Weibchen etwa 11,5–12 cm) und bislang nur aus dem vom Aussterben bedrohten tropischen Regenwald von Mabi auf dem Atherton-Plateau bekannt. Ihre Eier sind tatsächlich ungewöhnlich: Auf dem „Deckel“ (Operculum) befindet sich eine innere Struktur in Form von Ringen, die man bisher weder bei Gespenstschrecken noch bei ihren nächsten Verwandten gefunden hat. Beim Schlüpfen löst sich dieser Deckel ab.
Die Verbreitungsgebiete erwiesen sich nun als viel kleiner als gedacht, was für den Schutz wichtig ist – besonders für die Art aus dem Wald von Mabi. Außerdem stellte sich heraus, dass die „Seuchen“-Massenvermehrungen, bei denen die Gespenstschrecken Bäume kahl fressen, zu verschiedenen Arten gehören können.
Ein klassischer Fall: Selbst unter den auffälligsten und am häufigsten fotografierten Insekten Australiens verbergen sich noch unbeschriebene (oder falsch bestimmte) Arten. Die Gespenstschrecken sind darin besonders gut – ihre größte Superkraft hat ihnen gerade dabei geholfen, für die Wissenschaft „unsichtbar“ zu bleiben.



