In den abgelegenen Wäldern des indonesischen Teils von Neuguinea tauchte unerwartet ein lebendiges Zeugnis der Vergangenheit auf: ein kleiner Gleitbeutler, den die Wissenschaft längst in die Kategorie der vor etwa sechstausend Jahren ausgestorbenen Tiere verbannt hatte. Fotografien, die bereits im Jahr 2015 von einem einheimischen Plantagenarbeiter aufgenommen worden waren, führten zu einem verblüffenden Schluss – das Tier hat nicht nur überlebt, sondern gehört einer für die Wissenschaft völlig neuen Gattung an.
Die Rede ist von einem Wesen, das bislang nur durch fossile Überreste unter dem Namen Petauroides ayamaruensis bekannt war. Diese Knochen fand man in Westpapua und Papua-Neuguinea und datierte sie auf einen Zeitraum von 7500 bis 6000 Jahren. Bis vor kurzem galt es als sicher, dass die Population mit den Klima- und Landschaftsveränderungen des frühen Holozäns verschwunden war. Der Vergleich der Aufnahmen mit der Form der Zähne und dem Aufbau des Skeletts ergab eine vollständige Übereinstimmung, doch zugleich zeigten sich entscheidende Unterschiede zu allen bekannten heutigen Gleitbeutlern Australiens und Neuguineas.
Die Wissenschaftler ordneten das Tier einer eigenen Gattung Tous zu – der Name stammt aus der einheimischen Sprache der Ureinwohner, die „tous wansai“ seit langem von anderen kleinen Gleitbeutlern unterschieden. Tous ayamaruensis hat kleine nackte Ohren, einen greiffähigen Schwanz, der sich fast wie eine Hand um Zweige schlingen kann, und ist kleiner als seine australischen Verwandten aus der Gattung Petauroides. Es ist die erste neue Beuteltiergattung Neuguineas, die seit dem Jahr 1937 beschrieben wird.
Die Entdeckung wurde durch das Zusammenspiel moderner Aufnahmen, eines seltenen Museumsexemplars aus dem Jahr 1992 und vor allem durch das Wissen der indigenen Gemeinschaften möglich. Die Einheimischen halfen nicht nur, das Tierchen zu identifizieren, sondern berichteten auch über seine Lebensweise: Paarbindungen, Nester in Baumhöhlen hoher Bäume und offenbar nur ein Junges pro Jahr. Solche Merkmale machen die Population anfällig für jede Veränderung der Umwelt.
Die Wissenschaftler geben den genauen Fundort bewusst nicht bekannt, um das seltene Tier vor Wilderern zu schützen. Die Wälder der Halbinsel Cenderawasih (Vogelkopf) leiden bereits unter dem Druck von Abholzung und der Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen. Der Erhalt von Tous ayamaruensis hängt nun davon ab, ob es gelingt, wissenschaftliches Interesse mit Respekt vor traditionellem Wissen und strengem Schutz der Lebensräume zu verbinden.
Solche „Lazarus-Taxa“ erinnern daran, dass selbst auf den ersten Blick gut erforschte Regionen uralte Lebenslinien bergen können, deren Überleben von unseren heutigen Entscheidungen abhängt.

