Setzlinge des seltensten Baumes von der Insel Robinson Crusoe haben im schottischen Garten Zuflucht gefunden

Bearbeitet von: An goldy

An einem steilen Vulkanghang der Insel Robinson Crusoe im Pazifischen Ozean klammert sich ein einsamer Baum, dendroseris neriifolia, mit gespannten Seilen ans Leben. Es ist das letzte bekannte wilde Exemplar der Art, die einst weiter verbreitet war und nun am Rand des Aussterbens balanciert — eine einzige Naturkatastrophe oder ein Windstoß könnten eine einzigartige evolutionäre Linie von der Erde tilgen, die sich in Isolation über Millionen von Jahren herausgebildet hat.

Im Mai dieses Jahres organisierten Forscher eine riskante Operation und sammelten 400 Samen vom letzten lebenden Baum. Von diesen wurden 29 Samen, die als die vielversprechendsten ausgewählt worden waren, im April nach Großbritannien geschickt. Acht Samen keimten erfolgreich — ein Wunder in der Welt der seltenen Pflanzen, wo fast die Hälfte des Saatguts nicht lebensfähig bleibt. Zwei junge Setzlinge wachsen nun im Botanischen Garten Logan in Dumfries und Galloway, und die übrigen sechs befinden sich in der Millennium Seed Bank und in benachbarten Gewächshäusern bei Kew. Die Wahl des schottischen Gartens ist kein Zufall: Dort werden bereits erfolgreich Dutzende Pflanzen vom Juan-Fernández-Archipel kultiviert, und dank des warmen Hauches des Golfstroms eignet sich das Klima für seltene chilenische Arten besser als irgendwo sonst auf den Britischen Inseln.

Dendroseris neriifolia ist nicht einfach ein Baum, sondern ein Unikum in der Pflanzenwelt: die einzige Pflanze aus der Familie der Korbblütler (ein Verwandter von Gänseblümchen und Löwenzahn), bei der kleine, margeritenähnliche Blüten direkt am verholzten, verzweigten Stamm erblühen. In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl dieses "Baumlöwenzahns" drastisch zurückgegangen. Bis zum Jahr 1980 blieben in der Natur nur noch acht lebende Exemplare. Wiederherstellungsprojekte, die Anfang der 2000er Jahre begannen, gaben Hoffnung, doch im Jahr 2017 wurden die Schutzmaßnahmen abgeschwächt, und die Art geriet erneut in Gefahr. Invasive Pflanzen, die Beweidung eingeführter Tiere, wiederkehrende Brände und der Klimawandel vollendeten die Verwüstung.

Die gesamte Gattung Dendroseris (von Wissenschaftlern "Kohlbäume" genannt) kommt ausschließlich auf dem Juan-Fernández-Archipel vor, das 760 km von der Küste Chiles entfernt liegt. Dieser chilenische Archipel ist ein globales Zentrum der Biodiversität: 65% einheimische Pflanzenarten und 97% Fischarten kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor. Doch diese Einzigartigkeit erweist sich als Verwundbarkeit. Innerhalb der Gattung Dendroseris ist die Lage kritisch: sechs Arten sind bedroht, vier vom Aussterben bedroht, eine ist bereits in der Wildnis ausgestorben.

Die internationale Zusammenarbeit chilenischer und britischer Fachleute war die Antwort auf diese Situation. Die Wissenschaftler betonen, dass es nicht nur um die Erhaltung einer einzelnen Pflanze geht, sondern um den Schutz einer einzigartigen evolutionären Linie mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem ökologischen Umfeld und sogar ihren bestäubenden Insekten. Nach Ansicht der Experten ist dies eine Art Wettlauf gegen die Zeit, bei dem jeder erfolgreiche Setzling von enormer Bedeutung ist — denn die Verarmung der Biodiversität auf den Inseln vollzieht sich schneller als auf dem Festland.

Im Garten Logan, der den Titel des exotischsten in Schottland durchaus verdient, erhalten die Setzlinge die Chance, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und die Reife zu erlangen. Richard Baines, der Kurator des Gartens, bemerkt, dass die Untersuchung ihres Wachstums helfen wird, die Bedürfnisse der Art besser zu verstehen, optimale Bedingungen für die Kultivierung zu ermitteln und den Boden für mögliche künftige Wiederansiedlungen in der Wildnis vorzubereiten. Eine solche Vorgehensweise erlaubt es nicht nur, genetisches Material sicher zu bewahren, sondern auch praktisches Wissen darüber anzusammeln, wie man der Art hilft, in einer veränderten Umwelt zu überleben.

Die Geschichte von dendroseris neriifolia erinnert daran, wie verletzlich isolierte Inselökosysteme gegenüber äußeren Einflüssen sind. Ein Baum am Hang am Rand der Schlucht und einige Setzlinge in verschiedenen Ländern — das ist vorerst die gesamte sichtbare Hoffnung auf die Fortsetzung der Art. Doch die internationalen Bemühungen zeigen, dass selbst in solch extremen Situationen gemeinsames Handeln der Art die zusätzliche Zeit verschaffen kann, die sie zur Erholung benötigt. Da eine neue Mission zur Sammlung von Samen für das Jahr 2027 geplant ist, ist die Geschichte dieses seltenen "Gänseblümchenbaums" noch nicht zu Ende.

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Quellen

  • Rare tree offspring given lifeline at Logan Botanic Gardens - https://www.bbc.com/news/articles/cr86xvy15nego

  • Last-of-its-kind tree clinging to cliffside finds new hope at botanic gardens

  • Last of its kind: Critically Endangered tree clinging to cliffside finds hope at Kew and Logan Botanic Garden

  • How seedlings from the world's last surviving wild 'tree daisy' ended up in Scotland

  • Offspring from one of the world's rarest trees finds new home in Scotland

  • Sonchus neriifolius

  • Самое редкое дерево в мире растет на краю скалы и вот-вот погибнет

  • Dendroseris neriifolia - ученые спасают дерево-одуванчик

  • Гигантский одуванчик над пропастью

  • Последнее в природе. Ученые спасают самое редкое дерево в мире

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