Am Fluss Spey in Schottland kam es zu einer seltenen Begegnung: Eine weibliche Schottische Wildkatze namens Sally überquerte souverän den Wasserlauf. Dies ist die erste dokumentierte Beobachtung eines solchen Verhaltens in freier Wildbahn und hat sofort die Aufmerksamkeit von Artenschützern auf sich gezogen.
Sally wurde im Jahr 2022 in Gefangenschaft geboren und im Jahr 2024 im Rahmen des Projekts Saving Wildcats unter der Leitung der Royal Zoological Society of Scotland in den Cairngorms ausgewildert. Sie trägt ein GPS-Halsband, das die Identifizierung des Tieres ermöglichte. Eine Gruppe von Freunden in Kanus — Craig Porter, David McKillop und Will Walter — entdeckte die Katze in diesem Sommer und nahm Videos sowie Fotos auf.
Schottische Wildkatzen (Felis silvestris) sind kräftige, muskulöse Tiere mit längeren Beinen und einem breiteren Kopf im Vergleich zu Hauskatzen. Sie werden oft als „Hochland-Tiger“ bezeichnet. In freier Wildbahn sind sie fast verschwunden: Nach Schätzungen aus dem Jahr 2018 galt die Art aufgrund von Lebensraumverlust, Verkehrsunfällen, Hybridisierung mit Hauskatzen und Krankheiten als funktionell ausgestorben.
Das Zucht- und Auswilderungsprojekt hat bereits ermutigende Ergebnisse gezeigt. Im Jahr 2023 wurden 19 Individuen mit hoher Überlebensrate freigelassen, im Jahr 2024 weitere neun. Die Beobachtung von Sally hilft dabei, das Verhalten der Tiere nach der Wiederansiedlung und ihre Fähigkeit zur Anpassung an neue Bedingungen, einschließlich der Überwindung von Wasserhindernissen, besser zu verstehen.
Solche Begegnungen erinnern daran, wie fragil die Grenze zwischen Erfolg und Bedrohung für seltene Arten ist. Selbst eine kleine Verhaltensänderung — wie die Bereitschaft zu schwimmen — kann signalisieren, wie die Tiere ihr Territorium erschließen und in einer sich verändernden Umgebung überleben.
Der Erhalt der Schottischen Wildkatze erfordert nicht nur die Auswilderung von Individuen, sondern auch deren Schutz vor Hybridisierung und Krankheiten sowie die Bewahrung der natürlichen Landschaften der Cairngorms. Jede neue Beobachtung stärkt die Hoffnung auf eine Erholung der Population.
Diese Entdeckung unterstreicht den Wert langfristiger Wiederansiedlungsprogramme für die Wiederherstellung gefährdeter Arten in ihren historischen Verbreitungsgebieten.

