Künstliche Intelligenz verändert rasant nicht nur den Journalismus, das Bildungswesen und die Wirtschaft, sondern auch die Art und Weise, wie moderne Wissenschaft geschrieben wird.
Eine neue Studie, die im August 2026 auf arXiv veröffentlicht wurde, zeigte einen erstaunlichen Trend: bis Ende 2025 wurden in fast neun von zehn biomedizinischen Artikeln Anzeichen für die Verwendung großer Sprachmodelle entdeckt.
Doch hier ist es wichtig, das Wesentliche zu verstehen: Das bedeutet nicht, dass 90% der wissenschaftlichen Arbeiten vollständig von KI geschrieben wurden.
Es geht darum, dass künstliche Intelligenz Autoren zunehmend dabei hilft, einzelne Textabschnitte zu formulieren, zu bearbeiten und umzuschreiben.
Das Ausmaß erwies sich als weitaus höher als bisherige Schätzungen
Die Forscher analysierten die Volltexte biomedizinischer Artikel aus PubMed Central.
Ihrer Schätzung nach lag der Anteil der Publikationen mit Anzeichen einer LLM-Beteiligung bei etwa 52% im Jahr 2024 und stieg auf etwa 77% im Jahr 2025.
Und bis Dezember 2025 näherte sich der Wert 89%.
Dies liegt weit über früheren Schätzungen, da Wissenschaftler zuvor meist nur die Abstracts analysierten.
Als das Team jedoch die vollständigen Artikel betrachtete, wurde deutlich: Der Einsatz von KI könnte wesentlich verbreiteter sein als angenommen.
Wo KI am häufigsten vorkommt
Die deutlichsten Spuren von LLMs fanden die Forscher in den Teilen des Artikels, in denen der Autor Gedanken erklären, interpretieren und formulieren muss.
Besonders häufig traten Anzeichen von KI in Einleitungen und Diskussionenauf.
Weitaus seltener in den Abschnitten zu Methoden und Ergebnissen.
Und das ist durchaus logisch.
Gerade die Einleitung und die Diskussion erfordern eine große Menge an zusammenhängendem Text, Formulierungen, Vergleiche mit früheren Studien und Erklärungen zur Bedeutung der gewonnenen Daten.
Das heißt, die KI wird immer häufiger als eine Art wissenschaftlicher Lektor oder Stilassistent eingesetzt.
Doch es entsteht ein neues Risiko
Das Problem beginnt dann, wenn das Sprachmodell nicht nur zur Textbearbeitung, sondern auch zur Beschreibung tatsächlicher Ergebnisse verwendet wird.
LLMs können sehr überzeugende Formulierungen erstellen, selbst wenn die Informationen fehlerhaft sind.
Genau deshalb sind die Forscher besonders besorgt über den Einsatz von KI in den Abschnitten zu den Ergebnissen (Results).
Wenn das Modell beginnt, Daten zu „erfinden“, ist das keine Frage des Stils mehr – es ist eine potenzielle Bedrohung für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.
Es gibt noch ein weiteres Problem.
Wenn Tausende von Wissenschaftlern dieselben Modelle verwenden, könnten sich wissenschaftliche Texte allmählich immer ähnlicher werden.
Gleiche sprachliche Konstruktionen, gleiche Erklärungsweisen und gleiche logische Muster könnten sich in der Literatur deutlich schneller verbreiten als früher.
Wissenschaftler geben selbst zu, dass sie KI nutzen
Das Ausmaß des Trends wird auch durch Umfragen bestätigt.
Im Jahr 2025 gaben etwa 71% der Forscher an dass sie künstliche Intelligenz als Schreibhilfe für wissenschaftliche Texte nutzen.
Und der tatsächliche Anteil könnte sogar noch höher sein.
Für viele Wissenschaftler, insbesondere für diejenigen, deren Muttersprache nicht Englisch ist, sind LLMs zu einem praktischen Werkzeug geworden: Sie helfen dabei, die Grammatik zu korrigieren, den Text verständlicher zu machen und Manuskripte schneller für die Veröffentlichung vorzubereiten.
Daher wird die wissenschaftliche Gemeinschaft kaum noch vollständig auf KI verzichten können.
„Die Zahnpasta lässt sich nicht zurück in die Tube drücken“
Einer der Forscher beschrieb die Situation bei einem Kommentar sehr treffend:
„Die Zahnpasta ist bereits aus der Tube gedrückt, und man bekommt sie nicht wieder hinein.“
Und das ist wohl das Wichtigste.
Die Frage ist nicht mehr, ob Wissenschaftler KI nutzen werden.
Sie nutzen sie bereits massenhaft.
Jetzt ist etwas anderes wichtiger: Wo verläuft die Grenze zwischen der Unterstützung beim Verfassen eines Textes und dem Eingriff in den Inhalt einer wissenschaftlichen Arbeit.
Darf man das Modell bitten, das Englisch zu verbessern?
Darf man einen komplexen Absatz umschreiben?
Darf man ihm erlauben, die Ergebnisse zu interpretieren?
Und einen Teil der Diskussion generieren?
Die Antworten auf diese Fragen muss die wissenschaftliche Gemeinschaft erst noch formulieren.
Die Wissenschaft tritt in eine neue Ära ein
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Vorbehalt: Die Studie wurde bisher nur als Preprint und hat noch kein vollständiges wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren durchlaufen.
Daher können sich die Zahlen noch ändern.
Aber selbst wenn die endgültige Schätzung etwas niedriger ausfallen sollte, ist der allgemeine Trend bereits offensichtlich.
KI wird zu einem Teil des wissenschaftlichen Schreibens – genau wie Computer, Suchmaschinen und Statistikprogramme einst zu einem Teil der Arbeit wurden.
Und nun lautet die Hauptfrage nicht mehr:
„Schreibt die Wissenschaft mithilfe von KI?“
Sondern eher:
„Kann die wissenschaftliche Literatur ihre Originalität, Transparenz und Glaubwürdigkeit bewahren, wenn fast jeder Text durch dieselben Sprachmodelle läuft?“

