Agrarrevolution aus den USA: Wie mehrjähriges Getreide Böden rettet und Ernten vor Klimakatastrophen schützt

Autor: Tatyana Hurynovich

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Angesichts immer häufigerer extremer Wetterereignisse bieten amerikanische Wissenschaftler den Landwirten nicht nur neue Sorten, sondern ein völlig anderes Modell der Landwirtschaft an. Das mehrjährige Getreide Kernza kann erschöpfte Böden grundlegend gesunden und Ernten unempfindlich gegen Dürren und zerstörerische Starkregen machen.

Die traditionelle Landwirtschaft, die die Menschheit mit Weizen, Mais und Reis versorgt, basiert auf einjährigen Kulturen. Jedes Jahr müssen die Bauern die Felder pflügen, Samen säen, Dünger ausbringen und ernten, danach bleibt das Land kahl. Dieser Zyklus hat einen hohen ökologischen Preis: Der Boden verliert seine Struktur, Kohlenstoff wird in die Atmosphäre freigesetzt, und die obere fruchtbare Schicht wird leicht durch Wind und Wasser zerstört.

Doch für dieses Problem könnte es eine grundlegende Lösung geben, die bereits in den USA getestet und eingeführt wird.

Das Geheimnis unter der Erde: Warum Kernza die Spielregeln ändert

Kernza ist ein kultiviertes Wildgras die Mittel-Weizengras (Thinopyrum intermedium). Im Gegensatz zu normalem Weizen, der jährlich gesät werden muss, ist Kernza eine mehrjährige Pflanze. Nach der Ernte stirbt sie nicht ab, sondern wächst weiter und bildet eine dichte grüne Decke, die das Land das ganze Jahr über schützt.

Das Hauptgeheimnis der Bodengesundung liegt jedoch nicht an der Oberfläche, sondern tief darunter.

Das Wurzelsystem von normalem Weizen reicht höchstens 1–1,5 Meter in den Boden. Die Wurzeln von Kernza können bis zu einer Tiefe von 3,5–4,5 Meternvordringen. Dieses riesige unterirdische Netzwerk wirkt gleichzeitig wie eine natürliche Pumpe und Bewehrung:

  • Ansammlung von organischem Material: Indem die Wurzeln absterben und wieder nachwachsen, hinterlassen sie große Mengen an organischer Substanz im Boden, die ihn auf natürliche Weise düngen und strukturieren.
  • Kohlenstoffbindung: Die mehrjährige Pflanze wirkt wie ein starker Schwamm, der Kohlendioxid aus der Atmosphäre tief in den Boden pumpt und so zur Bekämpfung des Treibhauseffekts beiträgt.

Doppelter Schutz vor extremem Wetter

Genau das tiefe Wurzelsystem macht Kernza zur idealen Antwort auf die beiden Hauptgeißeln des modernen Klimas: Dürren und ungewöhnliche Starkregen.

  1. Trockenheitsresistenz: Wenn die oberste Bodenschicht austrocknet und einjährige Kulturen aufgrund von Wassermangel abzusterben beginnen, ernährt sich Kernza weiterhin aus tiefen Grundwasserleitern. Ihre Wurzeln erreichen Wasser, wohin die Wurzeln von normalem Weizen einfach nicht reichen.
  2. Schutz vor Starkregen und Überschwemmungen: Extreme Niederschläge, die immer häufiger über Agrarregionen hereinbrechen, spülen die oberste Bodenschicht ab (Erosion) und waschen ausgebrachte Düngemittel ins Grundwasser. Dichter Rasen und die verflochtenen Wurzeln von Kernza verbinden den Boden fest. Bei Starkregen fließt das Wasser nicht in reißenden Strömen ab und zerstört Felder, sondern versickert wie durch einen Schwamm und speichert Feuchtigkeit für spätere Trockenperioden.

Vom Labor auf den Tisch der Verbraucher

Lange Zeit galten mehrjährige Getreide als Science-Fiction, da es Züchtern nicht gelang, Wildgräser dazu zu bringen, ausreichend großes und reichhaltiges Korn zu produzieren. In den letzten Jahren hat das Earth Institute jedoch enorme Fortschritte erzielt.

Heute ist Kernza nicht mehr nur ein Experiment auf Versuchsfeldern. Das Getreide wird erfolgreich kommerziell genutzt. Daraus wird Mehl hergestellt, das sich durch einen hohen Protein- und Ballaststoffgehalt sowie einen niedrigen glykämischen Index auszeichnet. Auf dem Markt sind bereits Nudeln, Knäckebrot, Flocken und sogar Craft-Bier aus Kernza erhältlich. Öko-Marken und große Lebensmittelkonzerne kaufen dieses Getreide aktiv auf, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern.

Herausforderungen der Zukunft

Trotz der offensichtlichen ökologischen Vorteile steht Kernza vor einer zentralen agrotechnischen Herausforderung – dem Ertrag. Derzeit liegt er deutlich unter dem von herkömmlichem Weizen. Die Züchter nutzen jedoch sowohl klassische Kreuzungsmethoden als auch moderne Genomtechnologien, um Korngröße und Gesamtertrag der Kultur jährlich zu steigern.

Resonanz in Europa und der Welt

Europäische Landwirte und Umweltschützer verfolgen die amerikanischen Entwicklungen aufmerksam. Im Rahmen des European Green Deal hat sich die EU ambitionierte Ziele zur Reduzierung des Pestizideinsatzes und zur Wiederherstellung der Biodiversität gesetzt. Die Einführung mehrjähriger Kulturen wie Kernza könnte ein Schlüsselelement der europäischen Strategie für eine nachhaltige und klimaneutrale Landwirtschaft werden.

Der Übergang von einjährigen zu mehrjährigen Getreiden ist nicht nur der Austausch einer Pflanze durch eine andere. Es ist ein Wandel des gesamten Landwirtschaftsparadigmas: von der Ausbeutung der Natur zu ihrer Wiederherstellung, bei dem der Landwirt eine Ernte erzielt, ohne dem Land zu schaden, sondern ihm hilft, zu heilen.


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