Am Südpol des Saturn ist eine Struktur aufgetaucht, die Astronomen dort noch nie zuvor gesehen haben. Eine riesige zehneckige Welle – ein Dekagon – umgibt nun die Atmosphäre des Planeten und erstreckt sich über mehrere ihrer Schichten. Das Weltraumteleskop Hubble hat ihre deutliche Kontur erfasst, und Wissenschaftler haben verfolgt, wie sich diese Form seit dem Jahr 2023 allmählich zeigte und verstärkte.

Jahrzehntelang zog der Nordpol des Saturn mit seinem berühmten Sechseck die Aufmerksamkeit auf sich – einer stabilen atmosphärischen Welle, die erstmals von den Voyager-Sonden in den 1980er Jahren bemerkt und später von Cassini eingehend untersucht wurde. Der Südpol blieb lange ohne eine solche Geometrie. Trotz der Symmetrie der Jetstreams des Planeten ergaben die seit den 1990er Jahren durchgeführten Suchen nach einem südlichen Gegenstück nichts. Auch die Daten von Cassini zeigten keine langlebige Struktur. Und nun ist sie aufgetaucht.
Zuerst erhaschten bodengebundene Beobachter Hinweise. Im Jahr 2024 bemerkten Agustín Sánchez-Lavega zusammen mit den Amateurastronomen Trevor Barry und Jean-Paul Auger auf Bildern, die über das Planetary Virtual Observatory Laboratory gesammelt wurden, ein kaum erkennbares wellenförmiges Band am Südpol. Im Jahr 2025 wurden die Anzeichen deutlicher. Dann schaltete sich Hubble im Rahmen des OPAL-Programms ein, das seit mehr als einem Jahrzehnt jährlich die äußeren Planeten aufnimmt. Seine scharfen Bilder ohne Verzerrungen durch die Erdatmosphäre ermöglichten die Bestätigung: Die Struktur existierte mindestens seit dem Jahr 2023 und wurde allmählich immer ausgeprägter.
Das Dekagon sitzt innerhalb eines der mächtigen Jetstreams des Saturn und erstreckt sich vertikal durch verschiedene Ebenen der Atmosphäre. In verschiedenen Hubble-Filtern, die für unterschiedliche Höhen empfindlich sind, verschiebt sich seine Position leicht – das zeigt, dass es sich nicht um ein oberflächliches Wolkenmerkmal handelt, sondern um eine echte volumetrische Welle. Es ähnelt dem nördlichen Sechseck, unterscheidet sich aber auch deutlich: Jenes existiert seit mehr als vierzig Jahren und wirkt stabil, während das südliche Dekagon offenbar erst entsteht und sich vor unseren Augen verstärkt.
Amy Simon vom Goddard Center, Mitautorin der Studie, bemerkt: „Wir haben noch nie etwas Ähnliches in der südlichen Hemisphäre des Saturn gesehen. Diese Struktur scheint sich zu festigen, und wir haben eine seltene Gelegenheit zu beobachten, wie ein riesiges atmosphärisches Muster entsteht.“ Sánchez-Lavega fügt hinzu, dass die Suche nach einem südlichen Gegenstück zum Sechseck schon lange andauere, aber erst jetzt hätten die Hubble-Daten alles bestätigt.
Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Science Advances veröffentlicht. Als Nächstes planen die Wissenschaftler, das Dekagon mit Hubble und dem James-Webb-Teleskop zu beobachten, um zu verstehen, ob es sich stabilisiert wie das nördliche Sechseck oder ob es sich weiter verändert. Diese Beobachtungen könnten Licht auf die Dynamik der Atmosphären von Gasriesen im Allgemeinen werfen – darauf, wie riesige Planeten, die fast vollständig aus Gas bestehen, über Jahre hinweg regelmäßige geometrische Formen aufrechterhalten können.
Der Saturn überrascht weiterhin. In seiner brodelnden, chaotischen Atmosphäre formt sich plötzlich ein fast perfektes Zehneck, als ob unsichtbare Kräfte des Kosmos Ordnung aus dem Chaos schaffen würden. Wir leben in einer Welt, in der sich in Hunderten Millionen Kilometern Entfernung Prozesse abspielen, die uns daran erinnern, wie komplex und abgestimmt das Universum ist – und wie viel davon noch vor unseren Augen verborgen ist.



