Ein Arzt, der erst um ein Uhr nachts schlafen geht und sich dennoch als Spezialist für Langlebigkeit bezeichnet, ist an sich schon ein Paradoxon.
Ronald Primas, ein 66-jähriger Internist aus New York, der bereits in den 1990-er Jahren zur Präventivmedizin wechselte, empfängt Patienten bis spät in den Abend und macht häufig Hausbesuche. Sein Zeitplan passt nicht zu den gängigen Empfehlungen für frühes Zubettgehen, doch er behauptet, er versuche, „so viele Langlebigkeits-Kriterien wie möglich zu erfüllen“.
Heute, da der Markt für Longevity-Dienstleistungen mit Start-ups, Biohacking und teuren Kliniken überfüllt ist, ermöglicht die Geschichte eines praktizierenden Arztes, nachhaltige Gewohnheiten von modischen Trends zu unterscheiden.
Primas begann lange vor dem Aufkommen der Begriffe healthspan und biologisches Alter in diesem Bereich zu arbeiten. Damals gab es keine Wearables, Genomik oder künstliche Intelligenz, aber das Prinzip blieb dasselbe: Chronische Krankheiten bilden sich Jahre vor den ersten Symptomen.
Sein täglicher Ablauf umfasst dreimal pro Woche Krafttraining, zweimal hochintensives Intervalltraining, Zone-2-Training und Dehnübungen. Er geht nach jeder Mahlzeit 20 Minuten spazieren und steht jede Stunde auf, um Kniebeugen zu machen. Die Daten über den Nutzen regelmäßiger körperlicher Betätigung für das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel und die Neuroplastizität sind in Dutzenden von Studien belegt und erscheinen am überzeugendsten.
Seinen Schlaf begrenzt Primas auf ein striktes Zeitfenster: Er geht spät ins Bett, schläft aber über sieben Stunden in einem völlig dunklen und kühlen Raum. Die Schlafqualität wird laut seinen Angaben von Oura- und Biostrap-Ringen überwacht. Studien bringen chronischen Schlafmangel tatsächlich mit einer Verschlechterung der kognitiven Funktionen und des Stoffwechsels in Verbindung, doch die optimale Zeit zum Zubettgehen bleibt individuell.
Die Ernährung basiert auf dem „Paläo“-Prinzip: nur unverarbeitete Lebensmittel, ohne Getreide, Milchprodukte und zugesetzten Zucker. Die Grundlage bilden Wurzelgemüse, fetter Fisch, Nüsse und Beeren. Die Essenszeiten sind auf sechs bis acht Stunden begrenzt, mit einem strikten Stopp vier Stunden vor dem Schlafengehen. Die Beweisgrundlage für mediterrane und pflanzliche Ernährungsmuster ist stark, während die strenge Paläo-Diät und das zeitlich eingeschränkte Essen in Langzeitstudien gemischte Ergebnisse zeigen.
Für sein Gehirn verzichtet der Arzt auf das Rauchen, konsumiert Omega-3 aus Fisch und Nahrungsergänzungsmitteln und praktiziert Qigong sowie HeartMath-Atemübungen. Die hohe Intensität des Trainings erhöht seiner Meinung nach den BDNF-Spiegel — einen Faktor, der das Neuronenwachstum stimuliert. Hier bestätigen die Daten den Nutzen von Aerobic- und Krafttraining, während spezifische Meditations-Gadgets zusätzliche Überprüfungen erfordern.
Die soziale Seite ist nicht weniger wichtig: Primas verbringt Zeit mit seiner Frau, Freunden und Hunden und reist viel. Studien zeigen, dass starke soziale Bindungen ebenso gut mit einer längeren Lebensdauer korrelieren wie körperliche Aktivität.
Primas betont: Das Ziel ist keine ideale, sondern eine wiederholbare Routine. Selbst in arbeitsreichen Wochen verkürzt er das Training, lässt es aber nicht ganz ausfallen. Dieser Ansatz ist realitätsnäher als strenge Protokolle, die die meisten Menschen nicht länger als ein paar Monate durchhalten.
Die Geschichte von Primas verdeutlicht, dass die Anhäufung kleiner, aber konsequenter Maßnahmen besser funktioniert als die Suche nach dem einen „Wundermittel“. Die Frage ist nicht, wie man das Altern vollständig stoppt, sondern wie gut es gelingt, die Organfunktion und die Lebensqualität über Jahrzehnte hinweg zu erhalten.

