Wenn Atmen die Haltung gegenüber den eigenen Emotionen verändert: Neue Studie zu Atemübungen und psychischem Wohlbefinden

Autor: Elena HealthEnergy

Wenn Atmen die Haltung gegenüber den eigenen Emotionen verändert: Neue Studie zu Atemübungen und psychischem Wohlbefinden-1
Es ist genau die Fähigkeit, sich sicher mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen, die zu den grundlegenden Mechanismen innerer Stabilität gehört.

Manchmal ist das Schwierigste im Leben nicht die Emotionen selbst, sondern der ständige Versuch, vor ihnen davonzulaufen. Eine neue internationale Studie zeigt: Bestimmte Atemübungen können diesen inneren Vermeidungsmechanismus vorübergehend abschwächen und dadurch zur Verbesserung des psychischen Zustands beitragen.

An der Studie nahmen 324 Personen aus 23 Ländern teil, die an hoch-ventilierenden Atemübungen (high-ventilation breathwork) teilgenommen hatten. Nach der Übung füllten die Teilnehmer mehrere validierte psychologische Fragebögen aus. Die Analyse zeigte ein interessantes Muster: Je stärker eine Person während der Atemsitzung einen veränderten Bewusstseinszustand erlebte, desto weniger neigte sie dazu, unangenehmen Gedanken und Gefühlen auszuweichen. Die Reduzierung dieser Vermeidung war wiederum mit einem höheren Maß an subjektivem psychischem Wohlbefinden verbunden.

Die Arbeit wurde am 30. Juli 2026 im Journal Frontiers in Psychology veröffentlicht. Die Autoren – Lena Erdmann und ihre Kollegen von den Universitäten Potsdam und Berlin – verwendeten anerkannte wissenschaftliche Skalen zur Bewertung von veränderten Bewusstseinszuständen (11D-ASC), Erfahrungsvermeidung (APEQ-S) und psychischem Wohlbefinden (WEMWBS). Die statistische Analyse zeigte eine robuste Korrelation zwischen der Tiefe des erlebten Zustands, der Reduzierung der Vermeidung und dem Gefühl des psychischen Wohlbefindens.

Besonders interessant ist, dass der stärkste Effekt nicht einfach mit der Intensität der ungewöhnlichen Erfahrungen zusammenhing, sondern gerade mit deren seligen, positiven Komponenten. Gerade solche Zustände gingen häufiger mit einer Reduzierung innerer Abwehrmechanismen und einer größeren Bereitschaft einher, sich unangenehmen Emotionen zu stellen, anstatt ihnen wie gewohnt auszuweichen.

Diese Ergebnisse legen nahe, Atemübungen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Bisher wurde ihre Wirkung häufig durch physiologische Veränderungen erklärt – eine Senkung des Kohlendioxidgehalts, eine Veränderung der Aktivität des sympathischen Nervensystems oder andere biochemische Prozesse. Die neue Arbeit betont, dass die subjektive psychologische Erfahrung, die während der Praxis entsteht, ein ebenso wichtiger Faktor sein kann.

Dieser Blickwinkel nähert Atemtechniken deutlich den modernen Modellen der psychedelischen Therapie an. In beiden Bereichen wird zunehmend nicht so sehr dem veränderten Bewusstseinszustand selbst Aufmerksamkeit geschenkt, sondern vielmehr der Fähigkeit einer Person, den Kampf mit ihren Erfahrungen einzustellen und sie zuzulassen. Gerade die Reduzierung von Vermeidung wird heute als einer der möglichen Mechanismen für psychologische Veränderungen angesehen.

Natürlich hat die Studie wichtige Einschränkungen. Sie basiert auf Selbstauskünften der Teilnehmer, hat ein Querschnittsdesign und erlaubt keine Schlussfolgerung über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Außerdem meldeten sich freiwillig Personen zu der Studie, die bereits an solchen Praktiken interessiert waren, was die Ergebnisse beeinflussen kann.

Dennoch stimmen die erzielten Daten gut mit modernen Theorien der prädiktiven Verarbeitungsverarbeitung des Gehirns überein. Nach diesen Modellen können veränderte interozeptive Signale während intensiven Atmens die rigiden Vorhersagen des Gehirns über mögliche Bedrohungen vorübergehend abschwächen. Wenn das Gefühl der Gefahr weniger dominant wird, fällt es einer Person leichter, bei ihren Gefühlen zu bleiben, anstatt sie automatisch zu unterdrücken oder zu vermeiden.

Der Hauptwert dieser Arbeit geht über die Atemtechniken selbst hinaus. Sie erinnert uns daran, dass der Weg zum psychischen Wohlbefinden nicht über den Kampf mit unangenehmen Erfahrungen führt, sondern über die Veränderung der Haltung ihnen gegenüber. Vielleicht ist gerade die Fähigkeit, sich sicher mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen – unabhängig davon, ob dies durch Atmen, Psychotherapie oder andere Methoden erreicht wird – einer der grundlegenden Mechanismen der inneren Widerstandsfähigkeit.

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Quellen

  • Exploring the benefits of altered states of consciousness and reduced experiential avoidance for mental well-being: insights from a global study on high ventilation breathwork

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