Die musikalische Woche brachte nicht nur ein gemeinsames Motiv, sondern eine ganze Partitur mit sich: Erinnerung, inneres Licht, den Puls des Lebens, Bewegung und die Kraft der Präsenz.
Fünf neue Veröffentlichungen klingen völlig unterschiedlich, doch jede beantwortet eine zentrale Frage:
Was hilft einem Menschen, sich wieder lebendig zu fühlen?
Erste Note. Das Unsichtbare wird hörbar
Am 12. August wurde John Hassells erstes posthumes Album mit neuer Musik, Music Is Invisible (Pentimento Volume Three), angekündigt. Es erscheint am 2. Oktober und schließt die mit den Alben Listening to Pictures und Seeing Through Sound begonnene Trilogie ab.
Die Grundlage der vier Kompositionen bildete die Aufnahme von Hassells letztem Konzert, das am 23. Mai 2015 in der Londoner Kirche St John at Hackney stattfand. An jenem Abend trat er zusammen mit Rick Cox und Jon von Seggern auf.
Später bearbeitete und mischte Geoff Rona das Material neu und verwandelte die dokumentarische Aufnahme des Auftritts in etwas mehr als ein traditionelles Live-Album.
Das Wort Pentimento stammt aus der Malerei. So wird ein ursprüngliches Bild genannt, das mit der Zeit unter späteren Farbschichten wieder durchscheint. Hassell übertrug dieses Prinzip auf die Musik: Frühere Themen kehren verändert zurück, als ob die Erinnerung immer neue Formen schaffen würde.
Diese Note klingt wie eine Präsenz, die nicht mit dem Menschen verschwindet. Sie bleibt in dem von ihm geschaffenen Raum erhalten und entfaltet sich weiterhin in der Zeit.
Zweite Note. Licht entsteht in der Tiefe
Am 14. August erschien das vierte Album von L’Rain – fata morgana.
L’Rain ist das experimentelle Projekt der Brooklyner Komponistin, Produzentin und Multiinstrumentalistin Taja Cheek. Zusammen mit ihren ständigen Kollaborateuren Ben Chapoteau-Katz und Andrew Lappin schuf sie dreizehn Kompositionen, in denen sich Gospel, Tanzrhythmen, Noise Rock, Kassetten-Collagen und elektronische Klangwelten begegnen.
Im Zentrum des Albums steht die Frage:
Wie gedeiht man in einer Welt, die nicht für das eigene Wohlergehen geschaffen wurde?
Die Antwort ergibt sich durch zwei Naturbilder. Das erste ist die Rose von Jericho, die lange Trockenperioden überstehen und mit Feuchtigkeit wieder zum Leben erwachen kann. Das zweite sind die biolumineszenten Bewohner der Tiefsee, die ihr eigenes Licht dort erzeugen, wo keine Sonnenstrahlen hingelangen.
Zwei Wege, um unmögliche Bedingungen zu meistern: das Leben im Inneren zu bewahren und selbst zur Lichtquelle zu werden.
Diese Note erinnert daran: Manchmal verbirgt die Dunkelheit unser Licht nicht – sie offenbart die Fähigkeit, es von innen heraus zu erschaffen.
Dritte Note. Der Puls schlägt noch immer
Am 14. August veröffentlichte Laura Veirs ihr vierzehntes Soloalbum Temple Songs.
Zum ersten Mal in ihrer Karriere schrieb, nahm sie das gesamte Album auf, arrangierte, spielte es ein und produzierte es selbst. Die Arbeit fand in einem kleinen Heimstudio in Portland statt – mit zwei Mikrofonen und einem Laptop. Der einzige Gastinstrumentalist war der Saxophonist Filthy Lucre, der im Stück Pulse zu hören ist.
Veirs verzichtete auf übermäßige Studiopolitur und beließ Atem, natürliche Unebenheiten und den lebendigen Rhythmus der Performance in der Musik.
Pulse beginnt mit Gesang und einer Nylongitarre und entfaltet sich dann zu einem dichten Klangraum aus E-Gitarre, Schlagzeug und Saxophon. Das Lied ist der Fähigkeit gewidmet, den Puls des Lebens zu spüren und darauf zu vertrauen, dass uns selbst im Chaos noch immer etwas Gutes entgegenkommt.
Diese Note klingt wie ein stiller Beweis: Das Leben muss nicht laut sein, um weiterzugehen. Solange der Puls schlägt, ist die Bewegung nicht gestoppt.
Vierte Note. Der Tanz führt zurück zum Körper
Am 14. August veröffentlichte das schwedische Duo Icona Pop das Album Ritual. Zehn Kompositionen handeln von Freundschaft, Mutterschaft, Veränderungen, gebrochenem Herzen und der Wiederkehr der Freude.
Caroline Hjelt und Aino Jawo durchlebten eine Zeit persönlicher Veränderungen, Mutterschaft und die Rückkehr von Los Angeles nach Schweden. Sie mussten neu definieren, wer sie geworden waren und wohin sich ihre Musik entwickeln sollte.
So entstand die Idee des Rituals – einer kleinen, sich wiederholenden Handlung, die hilft, den Weg fortzusetzen.
Die Tanzfläche wird hier nicht zum Ort der Realitätsflucht, sondern zu einem Raum der Selbstbegegnung. Manchmal sind Stille und Innehalten für die Heilung notwendig. Doch irgendwann kommt der Moment, wieder in die Welt hinauszugehen, dem Körper Bewegung zu erlauben und das Leben anzunehmen, noch bevor der Verstand alle Fragen beantwortet hat.
Diese Note gibt dem Körper das Recht zurück, sich zu freuen. Der Tanz wird zur Art, dem Leben zu sagen: „Ich bin wieder da.“
Fünfte Note. Die Frau, die sich nicht kleinmacht
Am 14. August präsentierte Troye Sivan das Lied und Musikvideo She’s the Best. Die Hauptrolle im Video spielte Nicole Kidman, mit der der Musiker zuvor im Film „Der verlorene Sohn“ zu sehen war. Zusammen mit ihnen trat Sasha Colby im Clip auf – die Gewinnerin der fünfzehnten Staffel von RuPaul’s Drag Race.
Regisseur Gordon von Steiner verwandelt einen Nachtclub in einen Raum weiblicher Stärke, Freiheit und des Spiels mit verschiedenen Seiten der eigenen Persönlichkeit.
Kidman schreitet durch diesen, als wäre es ihr eigener Tempel. Sie bittet nicht um Erlaubnis, sichtbar zu sein, und schmälert ihre Präsenz nicht. Sivan bezeichnete sie als Verkörperung der „göttlichen Weiblichkeit“.
In diesem Video versteckt sich das Weibliche nicht und entschuldigt sich auch nicht – es tritt ein, nimmt Raum ein und tanzt.
Im Finale des Liedes ertönt die Stimme von Charli XCX – eine weitere weibliche Präsenz innerhalb der Komposition, die der Vielseitigkeit weiblicher Stärke gewidmet ist.
She’s the Best ist die erste Single des gleichnamigen Albums von Troye Sivan, dessen Veröffentlichung für den 9. Oktober geplant ist.
Diese Note klingt wie das Recht, sichtbar zu sein, den gesamten Raum der eigenen Präsenz einzunehmen und das eigene Leuchten nicht zu dämpfen.
Was haben diese fünf Noten zum Klang des Planeten hinzugefügt?
Eine Musik kehrt aus der Vergangenheit zurück.
Eine andere schafft Licht in der Tiefe.
Eine dritte bewahrt den Puls inmitten des Chaos.
Eine vierte führt den Körper zum Tanz zurück.
Eine fünfte erlaubt es, das eigene Leuchten nicht mehr zu dämpfen.
Das sind fünf verschiedene Wege, lebendig zu bleiben.
Die Erinnerung zeigt, dass nichts mit Liebe Geschaffenes spurlos verschwindet. Die Tiefe lehrt, nicht auf äußeres Licht zu warten. Der Puls erhält die Bewegung. Der Tanz bringt uns zurück in den Körper. Und die Präsenz wird zu einer inneren Erlaubnis, in voller Kraft zu erklingen.
Zusammen fügen sie sich zu einer Melodie:
Das Leben bewegt sich nicht immer geradlinig dem Licht entgegen.
Manchmal besinnt es sich durch Klang,
der genau dort entsteht, wo zuvor Stille herrschte.



