Eine im renommierten Fachmagazin Animal Behaviour veröffentlichte Studie hat einen grundlegenden Unterschied zwischen Katzen und Hunden in ihrer Fähigkeit zur spontanen Hilfeleistung aufgedeckt. Wissenschaftler der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest und der HUN-REN–ELTE Forschungsgruppe für vergleichende Ethologie untersuchten, wie Hunde, Katzen und Kleinkinder im Alter von 16 bis 24 Monaten reagieren, wenn eine vertraute Bezugsperson einen versteckten Gegenstand sucht. An dem Experiment nahmen 38 Hunde, 22 Katzen sowie 19 Kleinkinder teil.
Der methodische Aufbau der Studie war denkbar einfach: In einer gewohnten Umgebung suchte ein Besitzer oder Elternteil nach einem Spülschwamm, der zuvor vor den Augen des Probanden versteckt worden war, und wiederholte dabei die fragende Formulierung: „Ich kann ihn nicht finden. Was soll ich nur tun?“. Der entscheidende Aspekt dabei war, dass weder der Erwachsene noch der Besitzer explizit um Hilfe baten. Die Mehrheit der Hunde und Kinder – über 75 % – reagierte prompt, indem sie entweder auf den Fundort deuteten oder den Gegenstand herbeibrachten. Dieses Verhalten zeigte sich ungeachtet fehlenden Trainings, mangelnder Belohnungen und der Tatsache, dass der Schwamm für sie selbst völlig uninteressant war.
Katzen verhielten sich jedoch gänzlich anders. Sie nahmen die Situation zwar wahr, boten aber selten Hilfe an – selbst wenn sich der Schwamm in ihrem Sichtfeld befand. Um zu prüfen, ob die Tiere das Wesen der Situation begriffen oder lediglich unmotiviert waren, führten die Forscher einen Kontrolltest durch. Diesmal versteckten sie keinen Schwamm, sondern etwas für Katzen wirklich Wertvolles: ein Lieblingsleckerli oder ein Spielzeug. Das Ergebnis war eindeutig: In dieser Variante agierten die Katzen genauso aktiv und hilfsbereit wie Hunde und Kinder, indem sie auf das versteckte Objekt zugingen und darauf hinwiesen. Dies belegte eindrucksvoll, dass Katzen die Situation vollkommen erfassten, aber nur dann halfen, wenn ein persönliches Interesse vorlag.
Melitta Csepregi, Erstautorin der Studie und vergleichende Ethologin, erklärte die Ergebnisse aus evolutionärer Sicht: „Hunde und Kleinkinder sind evolutionär darauf eingestellt, die Probleme anderer als ihre eigenen wahrzunehmen. Dies ist durch den Prozess der Domestikation (bei Hunden) und die Entwicklung in Gruppen tief in ihrer Natur verankert.“ Katzen hingegen haben einen anderen Weg eingeschlagen. Sie bleiben autonomer – sie verstehen zwar die Notlage des Menschen, greifen aber nur ein, wenn sie einen persönlichen Vorteil daraus ziehen. Fachleute, die nicht an der Studie beteiligt waren, bezeichneten die Methodik als überzeugenden und überraschenden Beleg für die tiefgreifenden Unterschiede im prosozialen Verhalten zwischen Arten, die in enger Gemeinschaft mit dem Menschen leben.
Diese Untersuchungen verdeutlichen, warum uns Katzen im Vergleich zu Hunden oft unabhängiger und distanzierter erscheinen. Dies liegt weder an mangelnder Zuneigung noch an „Gefühlskälte“ – es ist vielmehr das Resultat einer anderen Evolutionsstrategie, bei der die Hilfe für andere ohne direkten Anreiz für den Helfer keine Priorität genießt. Für Katzenbesitzer ergibt sich daraus eine wichtige Lehre: Es ist nicht ratsam, in Alltagssituationen – etwa beim Herbeibringen eines heruntergefallenen Gegenstands – auf die spontane Hilfe des Haustiers zu hoffen. Eine Katze wird nur dann zur Hilfe eilen, wenn sie selbst ein echtes Interesse an der Sache hat.
Die Studie unterstreicht, wie tiefgreifend die Evolutionsgeschichte das Sozialverhalten von Tieren prägt, die zwar seit Jahrtausenden an der Seite des Menschen leben, sich aber auf unterschiedlichen Pfaden entwickelt haben. Domestikation und das Zusammenleben allein reichten offenbar nicht aus, damit Katzen denselben spontanen, menschenähnlichen Drang entwickeln, anderen zu helfen – selbst wenn es sich um ihnen nahestehende Personen handelt.




