Die Staats- und Regierungschefs der NATO-Staaten kommen am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara zusammen, während die Zweifel an der Bereitschaft der USA wachsen, Europa vor einer potenziellen russischen Bedrohung zu schützen. Auch wenn europäische Sorgen bereits in der Vergangenheit punktuell auftauchten, erscheint die aktuelle politische Ungewissheit über das amerikanische Engagement angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Krise beispiellos ausgeprägt.
Experten, unter anderem von der Northeastern University, halten die Befürchtungen der Europäer für begründet, obgleich Russland kaum zu einem direkten militärischen Konflikt mit Großbritannien, Frankreich oder Deutschland bereit sein dürfte. Zudem verfügt Moskau nach zwei Jahren intensiver Kämpfe in der Ukraine nicht über ausreichende Kapazitäten für eine großangelegte Offensive gegen die NATO. Dennoch bleibt Europa verwundbar: Seine Verteidigungssysteme müssen modernisiert werden, und die Stationierung schwerer Waffen wird Jahre in Anspruch nehmen.
Die Agenda des Gipfels in Ankara konzentriert sich auf drei Kernprioritäten: die Beschleunigung der Verteidigungsausgaben, den Ausbau der industriellen Kapazitäten des Verteidigungssektors sowie die langfristige Unterstützung der Ukraine. NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist bestrebt, die Summe der Versprechungen in greifbare Ergebnisse und Investitionen zu verwandeln.
Eine historische Wende markierte der Gipfel in Den Haag im Juni 2025, als sich alle NATO-Mitglieder (außer Spanien) dazu verpflichteten, ihre Verteidigungsausgaben bis zum Jahr 2035 auf 5 % des BIP anzuheben. Dies entspricht mehr als einer Verdoppelung des früheren Richtwerts von 2 %, der im Jahr 2014 eingeführt worden war. Im Jahr 2025 steigerten die europäischen Staaten und Kanada ihre Verteidigungsausgaben bereits um 20 % — was einem nominalen Zuwachs von 139 Milliarden Dollar entspricht. Deutschland ging dabei am weitesten: Im März 2025 billigte der Bundestag eine beispiellose Verfassungsänderung, die es der Regierung ermöglichte, eine Billion Euro aus der Staatsverschuldung in Verteidigung und Infrastruktur zu investieren. Nach den Plänen von Bundeskanzler Friedrich Gertz soll das Berliner Militärbudget bis 2029 auf 162 Milliarden Euro ansteigen — und damit die gemeinsamen Ausgaben von Frankreich und Großbritannien übertreffen.
Europa orientiert sich fundamental auf traditionelle militärische Stärke um und investiert dabei nicht nur in Waffensysteme und Personal, sondern auch in strategische Infrastruktur, Energieunabhängigkeit und Cybersicherheit. Diese Neuausrichtung resultiert zum Teil aus der Erfahrung der Verwundbarkeit durch russische Energieimporte und der Notwendigkeit, die strategische Abhängigkeit von den USA in kritischen Szenarien zu verringern.
Sollten die USA ihr Engagement in der NATO reduzieren oder einstellen, läuft die Ukraine Gefahr, unter russische Kontrolle zu geraten — so das Fazit von Analysten und osteuropäischen Staatschefs. Gleichzeitig hoffen die europäischen Spitzenvertreter auf einen „vorsichtigen Optimismus“ und eine Bestätigung der Unantastbarkeit von Artikel 5 (der Beistandsklausel), wenngleich die Unberechenbarkeit der US-Politik kaum Raum für Gewissheit lässt.
Was verbirgt sich hinter den offiziellen Schwüren einer „eisernen Treue“ zur kollektiven Verteidigung — eine fundamentale Neuverteilung der Verantwortung innerhalb des Bündnisses, eine echte Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO oder eine vorübergehende Beruhigung vor einer neuen Phase transatlantischer Unstimmigkeiten? Die Antwort darauf wird weitgehend die künftige Architektur der euroatlantischen Sicherheit definieren.



