Im Finale der asiatischen Jugendmeisterschaft im Klettern in Guiyang überquerte der 17-jährige Chinese Zhao Yicheng die Ziellinie nach 4,69 Sekunden und machte eine Geste, als würde er in die Kamera telefonieren. Diese Geste galt seinem Ich von vor einem Jahr: Damals startete er an derselben Wand zu früh und blieb ohne Gold.
Der Weltrekordhalter, der im Mai eine Zeit von 4,54 Sekunden aufgestellt hatte, hielt sich diesmal bewusst beim Start zurück. Drei Läufe in Folge zeigte er Zeiten unter 4,90 Sekunden, trotz eines kleinen Fehlers im Viertelfinale. Der Sieg war nicht nur die Korrektur eines Fehlers vom letzten Jahr, sondern auch eine Demonstration, wie ein junger Athlet lernt, seinen eigenen Impuls zu kontrollieren.
Zhao kam nicht nur wegen des Titels nach Guiyang. In 18 Tagen findet hier ein Weltcup statt, und das Training an der vertrauten Wand ist Teil der Vorbereitung. In einem Jahr hat er den Weg von schmerzhafter Selbstvorwürfen zu einer gelasseneren Haltung sich selbst gegenüber zurückgelegt. „Ich habe mich nach der Niederlage im letzten Jahr zu hart beurteilt, und das machte mich verletzlich“, gab er nach dem Finale zu.
Im Speedklettern, wo Bruchteile von Sekunden alles entscheiden, führt übermäßige Anspannung oft zu Fehlstarts oder Gleichgewichtsverlust. Zhao zeigte, dass wahre Geschwindigkeit nicht aus maximaler Anspannung entsteht, sondern aus präziser Berechnung und Kontrolle. Das erinnert an einen Schachspieler, der nicht sofort angreift, sondern zuerst seine Position festigt und auf den Fehler des Gegners wartet.
Für das chinesische Klettern, das seit mehreren Jahren im Speed dominiert, ist ein solches Beispiel besonders wichtig. Junge Athleten sehen, dass selbst mit einem Weltrekord die psychologische Reife der entscheidende Faktor wird. Zhao ist nicht nur schneller als alle anderen – er hat gelernt, dort nicht zu hetzen, wo er früher gehetzt hat.
In anderthalb Wochen wird er an derselben Wand wieder an den Start gehen. Und wenn die Lektion des letzten Jahres vollständig verinnerlicht ist, könnte der nächste Rekord nicht aus einem verzweifelten Sprint resultieren, sondern aus genau der Zurückhaltung, die er in Guiyang gezeigt hat.
