Im Inneren der österreichischen Alpen, unter dem Städtchen Hallstatt, hat das Salz über Jahrtausende hinweg nicht nur das Mineral, sondern auch die alltäglichen Spuren derer bewahrt, die es abbauten. Jüngste Ausgrabungen haben einen ausgedehnten Komplex aus der Eisenzeit von etwa 300 Metern Länge freigelegt, in dem in Abfallschichten von bis zu neun Metern Dicke Fragmente von Kleidung, hölzerne Werkzeuggriffe, Speisereste und sogar menschliche Exkremente erhalten geblieben sind.
Der Salzabbau begann hier vor etwa 7300 Jahren, im Neolithikum, als die Menschen Geweihhacken und Steinwerkzeuge verwendeten. Bis zum Jahr 1200 vor unserer Zeitrechnung erreichte die Produktion industrielle Ausmaße – etwa anderthalb Tonnen pro Tag. Trotz Einstürzen kehrten die Bergleute zurück und stellten die Abbaustätten wieder her, wobei sie sich der Geologie des Berges anpassten. Im Jahr 2022 ermöglichte eine Bohrung die Entdeckung unberührter Kammern von bis zu 25 Breite und etwa 20 Metern Höhe, die mit verdichtetem Abfall gefüllt waren.
Das Salz schafft besondere Bedingungen: Die hohe Konzentration des Minerals, die konstante Temperatur von etwa acht Grad und das Fehlen von Luft verlangsamen den Abbau organischer Stoffe. Infolgedessen sind im „Heidenstein“ – so nennen die Archäologen diese Schichten – Textilien, Lederwaren, Seile aus Pflanzenfasern und verkohlte Kiefernspäne erhalten geblieben, die als Beleuchtung dienten. Die Forscher stellen eine Entwicklung der Werkzeuge fest: Die Griffe der Eisenzeit unterscheiden sich von den früheren standardisierten Formen.
Besonderes Interesse gilt den biologischen Spuren. In den Exkrementen und Speiseresten können DNA-Fragmente sowohl der Arbeiter selbst als auch der verzehrten Produkte erhalten sein. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Ernährung, die Gesundheit und sogar die Herkunft der unter der Erde arbeitenden Menschen zu rekonstruieren. Derartige Funde ergänzen das Bild, das gewöhnlich nur steinerne oder metallene Artefakte vermitteln.
Hallstatt ist bereits durch den „Mann im Salz“ bekannt – den Körper eines Bergmanns, der im Jahr 1734 entdeckt wurde und in die Eisenzeit datiert wird. Die neuen Daten zeigen, dass die Bergleute nicht nur den Rohstoff abbauten, sondern auch Technologien anpassten, zerbrochene Geräte wiederverwerteten und eine komplexe Arbeitsorganisation aufrechterhielten. Das Salz fungiert hier nicht nur als Handelsware, sondern auch als natürliches Konservierungsmittel, das die Abfälle in ein Archiv des Alltagslebens verwandelt.
Die Vorstellung der Ergebnisse fand im September 2026 auf der Konferenz „Archäologie im Gebirge“ statt. Wissenschaftler des Naturhistorischen Museums Wien setzen die Arbeiten fort, darunter die Restaurierung späterer Stollen. Solche Entdeckungen erinnern daran, wie zerbrechlich und zugleich wie beständig die Spuren menschlicher Tätigkeit unter extremen Bedingungen sind.
Die Untersuchung solcher Funde zeigt, dass selbst die routinehafte Arbeit der Menschen der Antike eine detaillierte Spur hinterlässt, die ein besseres Verständnis der Technologien und des Alltags vergangener Epochen ermöglicht.
