Rund um die Osterinsel (Rapa Nui) entsteht eines der weltweit größten Meeresschutzgebiete, Hotu Matuʻa, was sich übersetzen lässt als „Das heilige Meer des Hotu Matuʻa“. Es ist nach dem legendären Gründer des Volkes der Rapa Nui benannt und umfasst fast die gesamte ausschließliche Wirtschaftszone um die Insel.
Die Fläche des Schutzgebiets beträgt etwa 729 000–740 000 km².
Dieses Gebiet, das in seiner Größe mit einem großen europäischen Land vergleichbar ist, wurde zu einem der weltweit größten Meeresschutzgebiete – und gleichzeitig zu einem der größten, in dem die indigene Bevölkerung eine führende Rolle bei der Verwaltung spielt.
Ein Ozean, der von den Inselbewohnern selbst verwaltet wird
Die Besonderheit von Te Moana Tapu a Hotu Matuʻa liegt nicht nur in seiner Größe.
Das Schutzgebiet wird gemeinsam vom Staat Chile und Vertretern des Volkes der Rapa Nui verwaltet.
Dem Meeresrat – Koro Nui o Te Vaikava – gehören sechs gewählte Vertreter der lokalen Bevölkerung und fünf Vertreter der chilenischen Regierung an.
Somit hat das Volk der Rapa Nui bei Entscheidungen die Mehrheit der Stimmen.
Für ein so großes Meeresschutzgebiet ist dies ein ungewöhnliches Modell. Es bedeutet, dass die Menschen, deren Kultur und Leben seit Jahrhunderten mit dem Ozean verbunden sind, nicht nur die Behörden beraten, sondern direkt an der Verwaltung des Meeres beteiligt sind.
Fast dreiviertel Millionen Quadratkilometer unter Schutz
Innerhalb des Schutzgebiets sind industrieller Fischfang und Bergbau.
Gleichzeitig bleibt die traditionelle Fischerei der Einheimischen erhalten.
Dieser Ansatz ermöglicht es, das Ökosystem zu schützen, ohne die Lebensweise der Inselgemeinschaft zu zerstören, für die das Meer weiterhin eine lebenswichtige Quelle für Nahrung, Kultur und Identität darstellt.
Unter Schutz steht ein erstaunlich reiches Ökosystem.
Hier leben mehr als 140 endemische Arten – Tiere und Pflanzen, die nur in dieser Region vorkommen.
In den Gewässern von Rapa Nui befinden sich einige der östlichsten Korallenriffe des Pazifischen Ozeans, hydrothermale Tiefseequellen sowie Gebiete, die für die Fortpflanzung von Thunfischen, Marlinen und Haien von Bedeutung sind.
Auch die größten Tiere des Planeten ziehen durch diese Gewässer – Blauwale, Finnwale und Buckelwale.
Hier sind auch Meeresschildkröten anzutreffen, und die Inseln dienen als Nistplatz für etwa 17 Arten von Seevögeln.
Traditionelles Wissen trifft auf Satelliten
In den letzten Jahren erreicht die Verwaltung des Schutzgebiets ein neues Niveau.
Nach Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung wurde ein integrierter Managementplanverabschiedet, der genau festlegt, wie das Gebiet langfristig geschützt und genutzt werden soll.
Bei der Abstimmung unterstützten etwa 86% der Teilnehmer den Plan.
Und im Jahr 2026 begann der Meeresrat eine Zusammenarbeit mit internationalen Naturschutzorganisationen, die Rapa Nui dabei unterstützen, wissenschaftliches Monitoring zu entwickeln und gegen illegale Aktivitäten vorzugehen.
Zur Überwachung des riesigen Meeresgebiets werden nun unter anderem Satellitentechnologieneingesetzt.
Moderne Systeme ermöglichen es, die Bewegungen von Schiffen zu verfolgen, verdächtige Fischereiaktivitäten zu erkennen und Ozeanabschnitte zu kontrollieren, in die Patrouillenschiffe physisch nicht regelmäßig entsandt werden können.
Für ein Gebiet mit einer Fläche von fast drei Vierteln einer Million Quadratkilometern ist dies von besonderer Bedeutung.
Weltweite Anerkennung
Die Arbeit der Bewohner von Rapa Nui hat auch internationale Anerkennung gefunden.
Im Jahr 2026 wurde das Meeresschutzgebiet mit dem Blue Park Award ausgezeichnet – einer Auszeichnung für Meeresgebiete, die strenge wissenschaftliche Naturschutzstandards erfüllen.
Doch die vielleicht wichtigste Errungenschaft liegt nicht in der Auszeichnung selbst.
Te Moana Tapu a Hotu Matuʻa zeigt, dass ein riesiges Ökosystem nicht nur durch Entscheidungen der Zentralregierung geschützt werden kann, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit den Menschen, die in seiner Nähe leben und über Wissen verfügen, das über viele Generationen hinweg gesammelt wurde.
Das Meer als Teil der Kultur
Rapa Nui ist einer der isoliertesten bewohnten Orte der Erde.
Von hier aus sind es Tausende von Kilometern Ozean bis zu den großen Festlandsgebieten.
Genau deshalb war das Meer für die Bewohner der Insel nie nur eine Kulisse um das Land herum.
Es lieferte Nahrung, bestimmte Reiserouten, prägte die Kultur und ermöglichte es der Gesellschaft, inmitten des riesigen Pazifischen Ozeans zu existieren.
Heute hat diese uralte Verbindung eine moderne Form erhalten.
Das traditionelle Wissen des Volkes der Rapa Nui verbindet sich mit Satellitenüberwachung, wissenschaftlicher Forschung und internationaler Finanzierung.
Und Entscheidungen über die Zukunft des Ozeans werden nicht nur von Beamten und Wissenschaftlern getroffen, sondern auch von den Bewohnern der Insel selbst.
Fast 740 000 km² des Pazifischen Ozeans werden nun nach einem Prinzip geschützt, das gleichzeitig uralt und sehr modern erscheint: Menschen, die seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur leben, sollten ein echtes Mitspracherecht bei deren Erhaltung haben.
Und vielleicht werden genau solche Verwaltungsmodelle einer der Schlüssel zum Schutz der Ozeane im einundzwanzigsten Jahrhundert sein.




