Österreichische Physiker haben im Labor nachgewiesen, dass das Wigners-Freund-Paradoxon nicht zwingend auf der Quantentheorie basiert. Es tritt vielmehr schon in klassischen Szenarien auf, in denen Beobachter dupliziert werden. Die am 30. Juni 2026 im Fachjournal Quantum veröffentlichte Studie von Karoline L. Jones und Markus P. Müller rückt die Debatte damit aus dem engen Fokus der Quantengrundlagen in das breitere Feld der fundamentalen Physik und Philosophie.
Gemeinsam mit Kollegen der Universität Wien und dem kanadischen Perimeter Institute for Theoretical Physics untersuchten die Autoren vom Wiener Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der ÖAW erweiterte „Wigners Freund“-Szenarien. Im ursprünglichen Paradoxon beschreibt Wigner einen Freund, der den Spin eines Teilchens misst, während Wigner selbst aus der Außenperspektive eine Superposition wahrnimmt.
Neuere Varianten beziehen mehrere Akteure ein und führen so zu Konflikten mit unseren intuitiven Vorstellungen von objektiven Fakten. Die Forscher zeigten nun, dass sich diese Widersprüche auch ohne Quantenmechanik rekonstruieren lassen – allein mittels klassischer Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Möglichkeit der exakten Duplizierung denkender Akteure.
Das entscheidende Element dieser Szenarien ist die sogenannte „Einschränkung A“: Eine Theorie kann keine einheitliche Wahrscheinlichkeitsstruktur für die Beobachtungen aller Beteiligten gleichzeitig bieten. Stellen Sie sich zwei identisch kopierte Zwillinge vor, die auf das Ergebnis eines Münzwurfs wetten, wobei jeder nur sein eigenes Resultat erfährt.
Ihre individuellen Prognosen lassen sich nicht zu einer einzigen, konsistenten Gesamtwahrscheinlichkeit vereinen. Genau dieser strukturelle Konflikt bildet auch die Basis für das Problem der „Boltzmann-Gehirne“ in der Kosmologie sowie für das „Sleeping-Beauty-Problem“ in der Erkenntnistheorie.
Die Untersuchung macht deutlich, dass das Paradoxon weit über Quantenmessungen hinausgeht und eine grundlegende Schwierigkeit bei der Beschreibung der Realität markiert, sobald Beobachtungen privat sind und nicht vollständig zusammengeführt werden können. Technologisch gesehen ließen sich die klassischen Varianten sogar einfacher umsetzen als komplexe Quantenexperimente mit verschränkten Photonen oder Ionen. Dies fordert unsere Sichtweise heraus, welche Annahmen wir in physikalischen Theorien tatsächlich als universell voraussetzen dürfen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig es ist, solche Limitationen in einem größeren Rahmen zu betrachten – von der Quantencomputer-Entwicklung bis hin zu Modellen des Universums. Sie tragen dazu bei, jene Punkte zu identifizieren, an denen unsere Theorien zwangsläufig Raum für private, aber nicht intersubjektiv überprüfbare Vorhersagen lassen müssen.




