FRAGE: Was ist eigentlich erstrebenswerter: eine intensive, explosive Freude, bei der die Emotionen vor Glück förmlich überkochen, oder eine moderate, beständige und ruhige Freude? Ich habe irgendwann einmal gelesen, dass ein solches Ausschlagen des Pendels nicht richtig sei und man besser das Gleichgewicht halten sollte. Wie stehst du dazu?
ANTWORT von lee: Bei diesem Thema geht es nicht um ein „Besser“. Wenn ein Mensch heftig auf äußere Faktoren reagiert, befindet er sich stets in einem Kreislauf der Abhängigkeit vom Außen. Das ist wie bei einem Esel mit einer Karotte. Es spielt letztlich keine Rolle, wie leidenschaftlich der Esel auf die Karotte reagiert, wenn er sie ohnehin nicht bekommt, sondern einfach immer weiterläuft.
Das bedeutet, dass man im Außen niemals genug bekommen wird, um das Ego zu sättigen. Und nach jeder enthusiastischen Reaktion wartet – sofern man sich im Zyklus der Polarität befindet – ein ebenso heftiger Gegenschlag von unten. Ein einfaches, klassisches Beispiel ist, dass die Freude über eine Geburt die gleiche emotionale Intensität besitzt wie die Trauer bei einer Beerdigung.
Ein völlig anderes Thema ist die „Freude aus dem Herzen“, wenn man den Fluss unmittelbar annimmt. Diese kann sich sowohl durch eine physische Erscheinung ausdrücken als auch gänzlich ohne äußeres Merkmal existieren. Dies ist ein direktes Empfangen ohne den Vermittler namens Ego, der die Empfindung nicht nur verzerren, sondern höchstwahrscheinlich sogar ersetzen würde.
Es wäre wie das Einwickelpapier anstelle der Süßigkeit. Die Freude über das Papier mag zwar groß sein, doch da sich im Inneren kein Bonbon befindet, wird sich die Stimmung später ändern. Oder nehmen wir das Beispiel eines Spiels: Man gewinnt, und wenn einen das in rasende Begeisterung versetzt, wird man nach einer Niederlage höchstwahrscheinlich in tiefe Negativität stürzen. Das lässt sich übrigens regelmäßig in Stadien bei fanatischen Fans beobachten.
Folglich liegt der Sinn nicht in der Balance zwischen den Polen, da dies lediglich eine Unterdrückung von Emotionen wäre, bis diese in einem Wutanfall oder einer Panikattacke explodieren. Der Sinn liegt darin, genau jetzt das gesamte Spektrum der Frequenzen so fließen zu lassen, wie es sich im Augenblick zeigt – die Welt unmittelbar wahrzunehmen, ohne Urteile und Vergleiche.


