Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein Buch, lösen eine Aufgabe oder schauen einfach aus dem Fenster. Und plötzlich – als hätte jemand die „Pause“-Taste gedrückt. Im Kopf gibt es weder Gedanken, Erinnerungen noch innere Bilder. Eine Sekunde später kehrt alles zurück, doch dieser kurze Zeitraum scheint aus dem Gedächtnis zu verschwinden.
Genau diesen Zustand untersuchten Neurobiologen des Pariser Instituts für Gehirnforschung.
Während langer kognitiver Tests berichteten die Probanden wiederholt, dass ihr Bewusstsein zuweilen völlig inhaltsleer war – ohne Worte, ohne visuelle Eindrücke oder innere Empfindungen. Gleichzeitig zeigte die Elektroenzephalographie (EEG) charakteristische Veränderungen in der Gehirnaktivität.
In diesen Momenten nahm die funktionelle Konnektivität der Großhirnrinde ab – die Interaktion zwischen entfernten Hirnarealen wurde schwächer. Gleichzeitig sank die Effizienz der Verarbeitung visueller Informationen, und die späte positive Komponente ereigniskorrelierter Potenziale (P300), die etwa 250–300 Millisekunden nach der Darbietung eines visuellen Reizes auftritt und dessen bewusste Verarbeitung widerspiegelt, verschwand praktisch.
Wissenschaftler bezeichnen diesen Zustand als „Leere des Geistes“ (mind blanking). Er unterscheidet sich grundlegend vom gewöhnlichen Gedankenwandern. Während des Gedankenwanderns erzeugt das Gehirn weiterhin aktiv innere Bilder, Erinnerungen und Überlegungen, die jedoch nicht mit der aktuellen Aufgabe verknüpft sind. Bei der „Leere des Geistes“ sistiert der Strom bewusster Inhalte vorübergehend.
Nach Schätzungen der Forscher können solche Episoden zwischen 5 und 20 % der Wachzeit einnehmen. Am häufigsten treten sie nach längerer geistiger Anstrengung, bei Müdigkeit, Schlafmangel oder während bestimmter Meditationspraktiken auf.
Was geschieht im Gehirn?
Eine der Hauptthesen besagt, dass einzelne Bereiche der Großhirnrinde für kurze Zeit in einen Zustand übergehen, der an lokalen Schlaf erinnert. Im Gegensatz zum normalen Schlaf werden dabei nur bestimmte neuronale Netzwerke „abgeschaltet“, während die übrigen weiterarbeiten.
Dadurch bleibt der Mensch wach, kann auf äußere Reize reagieren und einfache Handlungen ausführen, doch die Mechanismen, die die Bildung bewusster Gedanken und Wahrnehmungen ermöglichen, stellen ihre Funktion vorübergehend ein. Dies ist bisher lediglich die wahrscheinlichste Erklärung und noch kein endgültig bewiesener Mechanismus.
Was bedeutet das für Theorien des Bewusstseins?
Die Studienergebnisse erwiesen sich als besonders interessant für die moderne Bewusstseinsforschung.
Gemäß der Theorie des globalen Arbeitsraums entsteht ein bewusstes Erlebnis, wenn Informationen sich über ein weites Netzwerk von Hirnregionen ausbreiten. Während der „Leere des Geistes“ schwächen sich die Anzeichen einer solchen globalen Informationsverbreitung merklich ab, was gut mit diesem Modell übereinstimmt.
Die Theorie höherer Ordnung steht vor einer anderen Frage. Wenn im Moment der „Leere“ keine Gedanken vorhanden sind, wie kann der Mensch dann berichten, dass er an nichts gedacht hat? Es ist wahrscheinlich, dass die Erkenntnis des Nichtvorhandenseins von Gedanken erst nach Beendigung dieses Zustands entsteht.
Gleichzeitig stimmen die Ergebnisse mit der Vorstellung überein, dass ein grundlegendes Wachheitsniveau durch die lokale Aktivität neuronaler Netzwerke aufrechterhalten werden kann, selbst ohne einen vollständigen globalen Informationsaustausch zwischen verschiedenen Hirnbereichen.
Ein Computer kann als gute Analogie dienen.
Manchmal erlischt der Monitor für einen Moment, obwohl der Prozessor weiterhin Berechnungen durchführt. Der Computer hat sich nicht ausgeschaltet – das Bild ist lediglich vorübergehend verschwunden.
Möglicherweise geschieht während der „Leere des Geistes“ etwas Ähnliches. Das Gehirn arbeitet weiter, erhält lebenswichtige Funktionen aufrecht und reagiert auf die Umgebung, doch es hört für kurze Zeit auf, subjektive Bewusstseinsinhalte zu bilden.
Warum ist das wichtig?
Die Forscher weisen darauf hin, dass Episoden der „Leere des Geistes“ häufiger bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Angststörungen auftreten.
Sollten die charakteristischen elektroenzephalographischen Marker dieses Zustands endgültig bestätigt werden, könnten sie ein neues Werkzeug zur Erforschung von Aufmerksamkeitsstörungen und Bewusstseinsmechanismen darstellen. Bis zur klinischen Anwendung ist es jedoch noch ein weiter Weg – zusätzliche Forschung ist erforderlich.
Ein Blick darüber hinaus
Diese Studie erinnert daran, dass Bewusstsein möglicherweise gar kein kontinuierlicher Strom von Erlebnissen ist. Es ähnelt vielmehr einem Kinofilm, in dem es zwischen den einzelnen Bildern kaum wahrnehmbare Pausen gibt.
Und möglicherweise helfen gerade diese kurzen Phasen innerer Stille, eines der komplexesten Rätsel der modernen Neurowissenschaften zu entschlüsseln – wie die Aktivität von Milliarden von Neuronen sich in das subjektive Erleben des eigenen „Ich“ verwandelt.



