Die US-Technologiepolitik hat erneut ihre Unberechenbarkeit bewiesen. Die im Weißen Haus geplante feierliche Zeremonie zur Unterzeichnung eines neuen Dekrets über künstliche Intelligenz und Cybersicherheit wurde überraschend nur wenige Stunden vor Beginn abgesagt. Donald Trump erklärte gegenüber Journalisten knapp: „Einige Aspekte haben mir nicht gefallen, also habe ich es verschoben.“
Hinter dieser Entscheidung verbirgt sich ein knallharter Polit-Krimi hinter den Kulissen. Berichten einschlägiger US-Medien zufolge spielten nächtliche Anrufe von Branchengrößen wie Elon Musk und Mark Zuckerberg eine entscheidende Rolle bei der Absage. Investoren und Entwickler überzeugten das Weiße Haus davon, dass selbst eine rein freiwillige Rahmenkontrolle von KI-Modellen durch das Finanzministerium die technologische Aufholjagd bürokratisch ausbremsen könnte. „Wir liegen vor China, wir liegen vor allen anderen, und ich will nichts unternehmen, was dieser Führungsrolle im Weg steht“, resümierte Trump.
Seit den ersten Januartagen 2025 hat die Trump-Administration das strenge regulatorische Erbe von Joe Biden konsequent zurückgebaut und setzt stattdessen voll auf die Dominanz des US-amerikanischen KI-Sektors.
Die neue, von den Behörden vorbereitete Initiative sollte eigentlich den Austausch von Informationen über Sicherheitslücken regeln und kritische Infrastrukturen schützen. Das Silicon Valley sah darin jedoch das Gespenst staatlicher Aufsicht. Die Industrie machte deutlich: Jegliche Regeln zum jetzigen Zeitpunkt seien ein Geschenk für Peking, das seine Labore nicht mit öffentlichen Sicherheitsdebatten belastet.
Kann ein völliger Verzicht auf Sicherheitsregeln dem Markt schaden? Kurzfristig ist dies kaum zu erwarten. Die Aufhebung jeglicher Anzeichen von Beschränkungen setzt Milliarden von Dollar für den Bau neuer Rechenzentren und das Training gigantischer neuronaler Netze der nächsten Generation frei. Investoren erhalten damit einen Freibrief. Langfristig jedoch wälzt das Fehlen einheitlicher Cybersicherheitsstandards auf Bundesebene alle Risiken möglicher Ausfälle oder Lecks auf die Unternehmen selbst ab.
Anstelle der Bundesregierung übernehmen nun die Bundesstaaten die Initiative. Während Washington für den Sieg über China auf absolute Freiheit setzt, haben Kalifornien und New York bereits begonnen, eigene Gesetze zur KI-Transparenz einzuführen. Ist die Branche für den Verzicht auf Kontrolle von oben wirklich bereit für einen solchen rechtlichen Flickenteppich? Offenbar scheint das Großkapital mit diesem Kompromiss jedoch durchaus einverstanden zu sein.

