In der heutigen Recruiting-Welt verschwimmen die Grenzen zwischen einem formellen Interview und einer informellen Begegnung immer mehr. Ein markantes Beispiel dafür ist der Ansatz von Iñaki Ereño, dem Chef des internationalen Gesundheitsunternehmens Bupa, der mit Bewerbern bis zu sechs Stunden lang Gespräche führt, einschließlich eines gemeinsamen Restaurantbesuchs. Bei diesem Essen beobachtet er gezielt die Getränkewahl – und bevorzugt laut eigenen Angaben diejenigen, die sich trauen, ein Glas Wein zu bestellen, selbst wenn er selbst nur ein Glas Wasser vor sich stehen hat.
Sechsstunden-Marathon: drei Treffen à zwei Stunden.
Ereño ist überzeugt: Die „üblichen“ 45 Minuten eines Interviews vermitteln kein realistisches Bild. Daher hat er den Prozess aus drei zweistündigen Sitzungen aufgebaut:
- Das erste Treffen dient der tiefgehenden Analyse des Lebenslaufs und der Erfahrungen.
- Das zweite findet beim Frühstück oder Mittagessen im Restaurant statt, wo der Kandidat in ein weniger formelles Umfeld eintaucht.
- Das dritte findet wieder im Büro statt, widmet sich jedoch persönlichen Fragen: „Was lieben Sie? Wie nehmen Sie unser Unternehmen wahr? Was erwarten Sie von Bupa?“
Dieses mehrstufige Format hat es dem CEO ermöglicht, die Fehlerquote bei Einstellungen zu senken.
Der „Wein-Test“: Initiative ist wichtiger als Nachahmung
Das meistdiskutierte Element ist der „Wein-Test“ beim gemeinsamen Essen. Ereño sagt ganz deutlich: „Ich mag keine Menschen ohne Eigeninitiative. Stellen Sie sich vor, mein Getränk ist ein Glas Wasser. Ich freue mich sehr, wenn jemand fragt: ‚Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich ein Glas Wein nehme?‘“.
Die Wahl des Weins gilt hier als Signal für Selbstvertrauen und die Bereitschaft, den eigenen Willen zu zeigen, selbst wenn der Chef sich für die neutrale Variante entschieden hat.
Nicht nur das Getränk.
Der CEO betont, dass sich seine Beobachtung nicht nur auf das Glas beschränkt. Ein entscheidender Indikator ist der Umgang mit dem Servicepersonal: „Wie Sie den Kellner behandeln, ist für mich wesentlich. Ich möchte sehen, wie sympathisch Sie sind. Man muss respektvoll sein.“
Im informellen Rahmen zeigen sich Körpersprache, Selbstsicherheit und das allgemeine Auftreten, sobald die formellen Schranken fallen. Genau in diesen Momenten zeigt sich nach Ereños Ansicht der „wahre“ Mensch.
Kultureller Kontext und ethische Fragen
Der „Wein oder Wasser“-Ansatz kann in einem bestimmten kulturellen und unternehmerischen Umfeld funktionieren. In Ländern, in denen Alkohol bei Geschäftsessen zum guten Ton gehört, kann die Wahl eines Weins als natürlich angesehen werden. In anderen Kontexten meiden Bewerber Alkohol vielleicht aus persönlichen, religiösen oder medizinischen Gründen – was keinesfalls zum Nachteil gereichen darf.
Zudem gibt es in einigen Ländern und Unternehmen strenge Regeln: Ein Interview in einer Bar oder einem Restaurant mit Alkohol könnte als potenziell diskriminierend wahrgenommen werden oder ungleiche Bedingungen schaffen. Daher ist der „Wein-Test“ nicht überall angebracht und erfordert eine klare Transparenz der Kriterien.
Was das für Bewerber bedeutet
- Wenn Sie zu einem Interview beim Essen eingeladen werden, zeigen Sie Respekt gegenüber dem Personal und eine natürliche Souveränität.
- Wählen Sie das, womit Sie sich wohlfühlen: Wenn Sie keinen Alkohol trinken, bestellen Sie ganz entspannt Wasser oder Saft, zeigen Sie aber an anderer Stelle Initiative (schlagen Sie zum Beispiel ein Gesprächsthema vor oder stellen Sie eine Frage zum Unternehmen).
- Denken Sie daran: Im Mittelpunkt steht nicht das Getränk selbst, sondern wie Sie sich in einer weniger formellen Situation verhalten.
Alternativen: Steve Jobs’ „Bier-Test“ und der „Spaziergang statt Restaurant“
Einen Vorläufer zum „Bier-Test“ gab es bereits bei Steve Jobs: Er fragte sich: „Würde ich mit dieser Person ein Bier trinken gehen? Könnte ich mich bei einem Spaziergang entspannt unterhalten?“ Lautete die Antwort „Nein“, wurde der Kandidat nicht eingestellt.
Einige Führungskräfte entscheiden sich heute statt für ein Restaurant für einen informellen Spaziergang, da es so einfacher ist, einen Menschen „außerhalb des Büros“ kennenzulernen.
Bei „Wein oder Wasser“ geht es nicht um den Alkohol, sondern um das Signal: Ist der Bewerber fähig, Eigeninitiative zu zeigen?
In der Praxis zählt vielmehr, wie Sie auftreten, wie Sie mit Ihren Mitmenschen kommunizieren und wie organisch Sie in die Unternehmenskultur passen. Die beste Strategie bleibt es, authentisch zu bleiben sowie Respekt und Selbstvertrauen zu zeigen – unabhängig von der Wahl des Getränks.




