Im Garten des Cité Internationale Universitaire de Paris fand im Rahmen der Fashion Week die erste Haute-Couture-Schau von Pierpaolo Piccioli für Balenciaga statt. Die Inszenierung an einem für das Modehaus ungewöhnlichen Ort – nicht in einem Pariser Salon, sondern unter freiem Himmel auf einem Universitätscampus – war dabei von hoher Symbolkraft: Piccioli unterstrich damit seinen Wunsch, die Haute Couture näher an das reale Leben zu rücken. Die spannende Frage, ob er die für Gvasalias Designs typische Ironie und Provokation fortführen würde, ist nun beantwortet: Die Kollektion bestach durch handwerkliche Perfektion, sprach dabei jedoch ganz die vertraute Sprache seiner eigenen Ästhetik.
Piccioli wechselte im Juli 2025 nach mehr als 25 Jahren bei Valentino, wo er über hundert Kollektionen entwarf und die Marke zum Inbegriff romantischer Couture machte, zu dem Modehaus. An seinem neuen Wirkungsort wandte er sich sofort den Archiven von Cristóbal Balenciaga zu – einem Meister, dessen Schaffen ihn bereits lange vor seiner Ernennung für das Haus inspiriert hatte. Trotz der Inspiration durch das Archiv nutzte er in der Kollektion seine eigenen Techniken: satte Farben, luftige Drapierungen, skulpturale Schultern und eine emotionale Romantik. Voluminöse Kleider aus Gazar-Seide, Kopfschmuck aus Federn und bestickte Umhänge verweisen zwar auf das Erbe des Gründers, doch die Farbwahl und das Gefühl von Freiheit setzen eher die Linie von Picciolis Arbeiten bei Valentino fort, statt in einen Dialog mit dem kühnen Kurs seines Vorgängers Demna Gvasalia zu treten, der das Haus zehn Jahre lang leitete.
Piccioli bietet Stücke an, die man tragen und nicht bloß diskutieren möchte – Kreationen, in denen die Handschrift des Meisters deutlich erkennbar ist. Sie richten sich an all jene, die wahre Schneiderkunst schätzen, keine Angst vor Farben haben und Schönheit sowie Freiheit einem Schock- oder Skandaleffekt vorziehen.
Nach mehreren Jahren, in denen Balenciaga für Schönheit mit Hintersinn stand, vollzieht das Haus nun eine Kehrtwende hin zum traditionellen Verständnis von Couture als Kunst der Form, der Skulptur und des Handwerks. Piccioli versucht nicht, mit seinem Vorgänger zu konkurrieren, sondern definiert die Identität des Hauses neu: Er präsentiert seine eigene Version – sanfter, „menschlicher“ und mit einem stärkeren Fokus auf den Körper und die Persönlichkeit. Dabei handelt es sich nicht um eine Revolution, sondern um eine bewusste Neuausrichtung, die auf tiefem Respekt vor dem Erbe Balenciagas und dem eigenen künstlerischen Weg des Designers basiert.


