In 4 700 Metern Tiefe ist ein lebender Wolkenkratzer gewachsen

Autor: Inna Horoshkina One

Riesiger Schwamm dehnt sich in der Tiefe nahe dem Wake-Atoll | Nautilus Live

Am Grund des Pazifiks gibt es fast keine Bewegung, die das menschliche Auge gewohnt ist. Hier wiegen sich keine Algenwälder, keine Sonnenstrahlen dringen durch, und Nahrung kommt in seltenen Partikeln, die langsam aus den oberen Wasserschichten herabsinken.

Und doch findet selbst in dieser Dunkelheit das Leben einen Weg, sich zu erheben.

Während der Erforschung von Tiefseegebieten südwestlich des Wake-Atolls entdeckten die Geräte des Forschungsschiffs Nautilus einen außergewöhnlich hohen Glasschwamm der Gattung Caulophacus. Er erhob sich über den Meeresboden in einer Tiefe von mehr als 4 700 Metern, und sein langer Stiel war von vielen anderen Lebewesen besiedelt.

Das offizielle Beobachtungsvideo wurde vom Ocean Exploration Trust veröffentlicht am 2. September 2026.

Lebender Turm in der ozeanischen Wüste

Glasschwämme verdanken ihren Namen dem inneren Skelett, das aus feinsten Siliziumstrukturen – den Spicula – besteht. Sie bilden eine stabile, filigrane Basis, die es dem Tier ermöglicht, seine Form unter enormem Druck zu bewahren.

Schwämme der Gattung Caulophacus sind besonders ungewöhnlich. Ihr großer, weicher Körper sitzt an der Spitze eines langen Stiels und kann an eine luftige Wolke, Zuckerwatte oder eine Blume erinnern, die mitten in der abyssalen Ebene gewachsen ist.

Aber wir haben es nicht mit einer Pflanze zu tun. Schwämme gehören zu den ältesten mehrzelligen Tieren der Erde. Sie leiten Wasser durch ein komplexes Kanalsystem und entziehen ihm Bakterien und winzige organische Partikel.

Die Höhe hilft ihnen, sich über die Schicht der Bodensedimente zu erheben und in eine Wasserströmung zu gelangen, die Nahrung herbeiführt. Doch diesen Vorteil nutzt nicht nur der Schwamm selbst.

Auf der Videoaufzeichnung bemerkten die Forscher Tiere, die sich an ihrem Stiel festgesetzt oder in seiner Nähe niedergelassen hatten: Haarsterne – Krinoiden, Seeanemonen und andere kleine Wirbellose. Die genaue Zugehörigkeit einiger Organismen muss noch bestimmt werden.

In einem auf den ersten Blick fast leblosen Raum ist ein Schwamm zu einer vertikalen Insel geworden.

Warum die Tiefe nach oben strebt

Auf der abyssalen Ebene sind geeignete harte Oberflächen selten. Der größte Teil des Meeresbodens ist mit weichen Sedimenten bedeckt, und die Strömungen, die organische Partikel tragen, ziehen darüber hinweg.

Daher gewinnt jede Struktur, die ein Tier über den Boden heben kann, besonderen Wert. Wenn sich kleine Bewohner der Tiefe auf dem Stiel eines Schwamms niederlassen, erhalten sie Zugang zu einem aktiveren Wasserstrom – und damit auch zu Nahrung.

Es entsteht ein ganzes System von Wechselbeziehungen. Der Schwamm filtert das Wasser, seine Oberfläche wird zum Unterschlupf, der Stiel zur Stütze, und die inneren Hohlräume können winzigen Organismen als Zuhause dienen. Er selbst ist nicht mehr nur ein einzelnes Tier, sondern die Grundlage einer kleinen Tiefseegemeinschaft.

Diese Beobachtung ist keine Meldung über die Entdeckung einer neuen Art. Vor uns liegt eine frische Expeditions-Videodokumentation, die noch nicht als separate, begutachtete wissenschaftliche Arbeit aufbereitet wurde. Aber gerade solche Begegnungen helfen Forschern zu verstehen, wie das Leben in nahezu unerforschten Regionen des Ozeans organisiert ist.

Eine Welt, die wir gerade erst zu sehen beginnen

Der Fund wurde während der Expedition NA181 – Exploration of Wake Island’s Deep Sea, durchgeführt vom Ocean Exploration Trust mit Unterstützung von NOAA Ocean Exploration, gemacht.

Das Wake-Atoll liegt zwischen den Hawaii- und den Marianen-Inseln. Das umliegende Gebiet bleibt einer der am wenigsten erforschten Abschnitte des Meeresbodens unter der Gerichtsbarkeit der USA. Nach Angaben der Expeditionsorganisatoren ist der überwiegende Teil des Gebiets mit einer Fläche von mehr als 407 000 Quadratkilometern immer noch nicht kartiert und nicht direkt untersucht.

Die Geräte erforschen abyssale Ebenen und Unterwasserberge, filmen Tiefseetiere, sammeln Basisdaten zur Biodiversität und suchen gleichzeitig nach Objekten des maritimen Erbes, die mit Ereignissen des Zweiten Weltkriegs verbunden sind.

Jeder Tauchgang hier wird zu einer Begegnung weniger mit fertigen Antworten als vielmehr mit dem Unbekannten.

Der Ozean baut anders

Menschliche Städte wachsen dank Beton, Metall und Glas. Der tiefe Ozean schafft seine Architektur aus lebenden Körpern.

Korallen werden zu Wäldern. Walkadaver werden zu Nahrungsquellen für Jahrzehnte. Schwämme verwandeln sich in Türme, um die sich andere Lebewesen versammeln.

So verändert das Leben den Raum um sich herum. Es passt sich nicht nur an die Umwelt an, sondern schafft neue Möglichkeiten für diejenigen, die in seiner Nähe sind.

In dieser Tiefseegemeinschaft gibt es keinen Architekten und keinen vorab erstellten Plan. Es gibt die Strömung, die Notwendigkeit zu fressen und die uralte Fähigkeit von Organismen, Halt aneinander zu finden.

Vielleicht ist es deshalb so eindrucksvoll, die Aufnahmen eines einzelnen Schwamms zu sehen. Auf den ersten Blick sehen wir ein seltsames Wesen, das sich in der Dunkelheit erhebt. Doch wenn man die Kamera näher heranholt, entdeckt man eine ganze Welt.


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