Wo die Dunkelheit erblüht: ein rosafarbenes Feuerwerk der Tiefsee

Autor: Inna Horoshkina One

Pink Precious & Firework Corals in der Nähe von Wake Atoll | Nautilus Live

Sonnenlicht dringt hier nicht ein. Das Wasser drückt mit enormer Kraft, die Temperatur liegt nahe dem Gefrierpunkt, und die vertrauten Konturen der Welt lösen sich in der Dunkelheit auf.

Doch genau hier, fast zwei Kilometer unter der Oberfläche des Pazifischen Ozeans, erblüht Leben.

Der Lichtstrahl eines Unterwasserfahrzeugs gleitet langsam über den Meeresboden – und aus der Dunkelheit taucht ein Wunder lebendiger Architektur auf: eine hohe goldene Spirale, die sich scheinbar um eine unsichtbare Achse windet und dünne, flexible Zweige in alle Richtungen ausbreitet. Sie sieht aus, als hätte jemand den Ausbruch eines festlichen Feuers in der Zeit angehalten.

Forscher nennen sie firework coral – „Feuerwerkskoralle“.

Etwas tiefer erwartet sie eine weitere Begegnung: eine Koralle in der Farbe von rosa Kaugummi, auf deren Zweigen sich ein Schlangenstern niedergelassen hat – ein Verwandter der Seesterne, der fast ununterscheidbar von seinem lebenden Zuhause ist.

In dieser Tiefe sind die Farben dem menschlichen Auge verborgen – aber das Leben erschafft weiterhin seine Meisterwerke.

Expedition in die Wüste der Tiefe

Am 4. September 2026 veröffentlichte die Organisation Ocean Exploration Trust eine Videoaufnahme, die während der Expedition NA181 – Exploration of Wake Island’s Deep Seaentstanden ist.

Das Forschungsschiff E/V Nautilus untersucht die Umgebung des Wake-Atolls – eines der isoliertesten Landstücke der Erde, das etwa auf halbem Weg zwischen den Hawaii- und den Marianeninseln liegt.

Rund um das Atoll erstrecken sich etwa 407 Tausend Quadratkilometer Meeresboden. Der überwiegende Teil dieses Gebiets ist noch nicht detailliert kartiert und nahezu unerforscht.

Während des Tauchgangs am McDonnell-Seamount westlich des Atolls entdeckten die Fahrzeuge Hercules und Atalanta zwei erstaunliche Tiefseekorallen.

Die erste befand sich in einer Tiefe von 1806 Metern. Es handelt sich um Iridogorgia magnispiralis — eine Weichkoralle aus der Familie Chrysogorgiidae, deren Kolonie eine nahezu perfekte Spirale bildet und sich mehrere Meter über den Meeresboden erheben kann.

Vertreter dieser Art sind zur Biolumineszenz fähig – zur Erzeugung eigenen Lichts durch eine chemische Reaktion. Auf der veröffentlichten Aufnahme ist das Leuchten der Koralle jedoch nicht festgehalten, sodass wir hier keine „leuchtende Spirale“ sehen, sondern ihre natürliche Färbung, die sich im Licht des Fahrzeugs offenbart.

Aus der Ferne erinnert die Koralle zugleich an einen Baum, eine Galaxie und einen Ausbruch festlichen Feuers, der für immer in der Dunkelheit erstarrt ist.

Doch ihre ungewöhnliche Form ist nicht nur eine Zierde des Ozeans.

Ein lebendiges Hochhaus

Die hohe und flexible Struktur von Iridogorgia schafft einen mehrstöckigen Raum über dem Meeresboden. Ihre Zweige werden zu einem Zufluchtsort und Ankerpunkt für andere Tiefseeorganismen.

In einer Welt, in der geeignete feste Oberflächen selten sind, wird eine solche Koralle zu einer wahren Oase des Lebens. Kleine Tiere können sich an ihren Zweigen festsetzen, sich zwischen ihnen verstecken oder die Höhe der Kolonie nutzen, um näher an organische Partikel zu gelangen, die von der Strömung getragen werden.

Wir haben es also nicht nur mit einem schönen Lebewesen zu tun, sondern mit einem lebendigen architektonischen Werk – einem ganzen Lebensraum, der dort gewachsen ist, wo der Mensch noch sehr viel zu entdecken hat.

Die Wissenschaft entschlüsselt die Mechanismen, durch die sich solche Formen über Jahrmillionen entwickelt haben. Doch die Harmonie dieser Komposition lässt auch Raum für einen anderen Blick: Das Herz kann darin die Berührung eines göttlichen Plans erkennen.

Rosa Verbindung

In der Tiefe 1894 Meter sahen die Forscher eine weitere Koralle — einen Vertreter der Gattung Hemicorallium, die zu den Edelkorallen gehört. Ihre zartrosa Färbung erinnerte an die Farbe von Kaugummi.

Auf den Zweigen saß ein großer Schlangenstern — ein Tier aus der Klasse Ophiuroidea. Indem er die Koralle mit seinen langen, flexiblen Armen umfasste, erhob er sich über den Meeresboden und verschaffte sich eine günstige Position, um Nahrungspartikel zu erfassen, die die Strömung mit sich bringt.

Solche engen Verbindungen zwischen Schlangensternen und Tiefseekorallen sind gut bekannt. Einige von ihnen können für beide Seiten vorteilhaft sein, doch die Art der Beziehung dieses speziellen Paares haben Wissenschaftler bisher nicht untersucht. Daher ist es richtiger, nicht von einem nachgewiesenen Symbioseverhältnis zu sprechen, sondern von einer erstaunlichen ökologischen Assoziation.

Ein Organismus wird zur Stütze für einen anderen, und zusammen erschaffen sie eine kleine Welt inmitten eines riesigen dunklen Raums.

Beobachtung, nicht Entdeckung einer neuen Art

Wichtig ist zu präzisieren: Das veröffentlichte Video meldet keine Entdeckung neuer Arten und ist keine eigenständige, begutachtete Studie.

Es handelt sich um eine aktuelle dokumentarische Aufzeichnung von Beobachtungen, die während einer wissenschaftlichen Expedition gemacht wurden. Ihre Bedeutung liegt in der unmittelbaren Dokumentation des Lebens in einer Region, die zum großen Teil für die Wissenschaft noch nahezu unbekannt ist.

Die Expedition findet vom 20. August bis zum 18. September 2026 statt und ist auf 30 Kalendertageangelegt. Sie zielt darauf ab, grundlegende Informationen über die Biodiversität, Geologie, abyssale Ebenen und unerforschte Unterwasserberge zu sammeln. Eine weitere Aufgabe ist die Dokumentation von Objekten des Unterwasser-Kulturerbes, die mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs verbunden sind.

Die Untersuchung wird mit Unterstützung des Programms NOAA Ocean Exploration durchgeführt — einer Abteilung der Nationalen Ozean- und Atmosphärenverwaltung der USA.

Jeder solche Tauchgang fügt der Tiefenkarte ein paar weitere Punkte des Wissens hinzu. Er ermöglicht es, nicht nur einzelne Tiere zu sehen, sondern auch die feinen Verbindungen, durch die das Tiefsee-Ökosystem existiert.

Woran hat uns der Ozean erinnert?

Daran, dass Schönheit keine Zuschauer braucht und unsere Zustimmung nicht benötigt.

In fast zwei Kilometern Tiefe, wo niemals Sonnenlicht hinfällt, entfalten sich rosa Korallen, goldene Spiralen erheben sich über den Meeresboden und es entstehen erstaunliche Verbindungen von Lebewesen.

Der Ozean erinnerte daran: Selbst in völliger Dunkelheit erschafft das Leben weiterhin seine Meisterwerke.

Und wenn wir bereit sind zu sehen, offenbart sich uns Schönheit selbst dort, wo wir am wenigsten erwartet hätten, sie zu treffen.

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Quellen

  • Ocean Exploration Trust Surveys Biodiversity Around Remote Wake Atoll

  • NA181 | Nautilus Live

  • 2026 | Nautilus Live

  • NOAA Ocean Exploration in the Field: 2026

  • Iridogorgia (genus) - Wikipedia

  • A magnificent coral Iridogorgia magnispiralis

  • Deep-sea Coral Photo Gallery

  • Hemicorallium (Anthozoa, Octocorallia, Coralliidae)

  • Trace-DNA from a century-old holotype specimen resolves taxonomic uncertainties

  • Deep-water octocorals are main components of vulnerable marine ecosystems

  • Existing article

  • OET Launches our 2026 Exploration Season in the Central and Western Pacific Ocean

  • Wake Island | History, Map, Massacre, & Facts | Britannica

  • E/V Nautilus Expedition Targets Remote Wake Island Waters For Deep-Sea Survey

  • Iridogorgia magnispiralis – Art in STEM

  • Exploration Vessel Nautilus - NOAA Ocean Exploration

  • E/V Nautilus: 2026 Field Season - NOAA Ocean Exploration

  • Existing biological knowledge

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