In einer Tiefe von fast dreieinhalb Kilometern gibt es kein Sonnenlicht. Hier herrschen Kälte, enormer Druck und Stille, die nur durch die Bewegung des Wassers und die Stimmen unsichtbarer Bewohner unterbrochen wird.
Es scheint, als müsste das Leben in einer solchen Welt hart und rau sein. Doch aus der Dunkelheit taucht ein Wesen auf, dessen Bewegungen eher an einen langsamen Tanz als an einen Kampf erinnern.
Zwei Flossen wiegen sich wie Flügel. Lange, dünne Arme folgen dem Körper frei. Für einige Augenblicke offenbart der Abgrund eines seiner Geheimnisse – und nimmt es wieder in die Dunkelheit auf.
Begegnung in 3277 Metern Tiefe
2 September 2026 Das Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquarium – MBARI – gemeinsam mit Experten der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA (NOAA) berichtete von einer seltenen Begegnung mit einem Langarmkalmar der Gattung Magnapinna.
Die Beobachtung erfolgte während einer zehntägigen Expedition Seamount Hotspots an Bord des Forschungsschiffs David Packard. Wissenschaftler des MBARI und Experten der NOAA untersuchten Tiefseeökosysteme nahe des Davidson Seamount – einem der größten unterwasserliegenden Vulkane der Welt – vor der Küste Zentralkaliforniens. Der Berg erhebt sich mehr als vier Kilometer über den Meeresboden, aber sein Gipfel bleibt in einer Tiefe von mehreren hundert Metern.
Das ferngesteuerte Fahrzeug Doc Ricketts untersuchte den Meeresboden in einer Tiefe von 3277 Metern, als lange Tentakel in das Sichtfeld der Kamera gelangten. Das genaue Kalenderdatum der Begegnung selbst gibt das MBARI während der Expedition nicht an – bekannt ist nur, dass es während einer zehntägigen Expedition geschah, die bis zum 2 September 2026 abgeschlossen war.
Die MBARI-Postdoktorandin und Tiefseeökologin Olivia Soares Pereira bemerkte zunächst dünne Tentakel in der Ecke des Bildschirms und dachte, es handele sich um eine ungewöhnliche Qualle. Doch als die charakteristischen Biegungen der Arme – eigenartige „Ellbogen“ – auftauchten, erkannte sie sofort Magnapinna und rief seinen Namen aus, noch bevor der Kalmar vollständig ins Bild kam.
Der Kalmar schien langsam aus absoluter Dunkelheit in das Licht des Geräts zu schweben.
Ein Wesen mit Engelsflügeln
Im Bild waren zwei große Flossen, acht Arme und zwei dünne Tentakel zu sehen, die für alle Arten von Magnapinna charakteristisch sind. Die Flossen dieser Kalmare machen bis zu 90 % der Länge ihres Mantels aus und dienen als Hauptfortbewegungsmittel. Die langen Arme nutzen die Kalmare, um Beute vom Boden zu fangen.
Mithilfe des Laser-Messsystems des Geräts bestimmten die Forscher die ungefähre Länge des Tieres – 1,25 Meter vom oberen Ende des Körpers bis zu den Armspitzen. Da der Mantel (Rumpf) von Magnapinna normalerweise nur 6–10 Zentimeter misst, entfällt die restliche Länge auf die Tentakel und ihre fadenförmigen Fortsätze, die sich über mehrere Meter erstrecken können.
Der NOAA-Forscher Andrew DeVogelaere, Ökologe des Monterey Bay National Marine Sanctuary und langjähriger Mitarbeiter des MBARI, erinnerte sich: "Ich war auf den Meeresboden konzentriert, und plötzlich erschien vor mir ein elegantes Wesen mit wellenförmigen, engelsflügelartigen Flossen".
Der Vergleich erwies sich als erstaunlich treffend. Der Kalmar stürzte sich nicht auf die Kamera und versuchte nicht, schnell zu entkommen. Er schwebte über dem Meeresboden, ohne den Raum um sich herum fast zu stören.
In solchen Tiefen erfordert jede Bewegung Energieersparnis. Daher ist sein langsamer Tanz nicht nur Schönheit, sondern auch eine Lebensweise in einer Welt, in der Nahrung rar ist und die Bedingungen extrem hart sind. In der Tiefe, wo die Flüssigkeit fast vierhundert Mal dichter ist als Luft an der Oberfläche, ist Energieeffizienz eine Frage des Überlebens.
Erste bestätigte Begegnung in dieser Region
Diese Beobachtung war die erste bestätigte Videoaufnahme eines lebenden Magnapinna im nordöstlichen Pazifik und die erste Begegnung mit ihm im Gebiet des Monterey Bay National Marine Sanctuary.
Für MBARI ist dies erst die zweite Sichtung eines solchen Kalmar: Die vorherige fand während einer Expedition mit dem Fahrzeug Tiburon nahe Hawaii im Jahr 2001 statt, als 10 Minuten Videomaterial eines Individuums in etwa 3380 Metern Tiefe aufgezeichnet wurden.
Nach wissenschaftlicher Literatur haben Forscher mit Unterwasserfahrzeugen etwa 70 Vertreter der Gattung beobachtet oder in wissenschaftlichen Schleppnetzen erhalten Magnapinna. Das erste Exemplar wurde im Jahr 1883 bei den Azoren gefunden und sah aus wie eine Art Magnapinna talismani, wurde jedoch in schlechtem Zustand gefangen. Die wissenschaftliche Beschreibung der Gattung als eigenständige taxonomische Einheit erfolgte erst im Jahr 1998, als die Biologen Michael Vecchione und Richard Young offiziell die Familie Magnapinnidae aufstellten – 115 Jahre nach der ersten Entdeckung.
Ein ausgewachsenes Exemplar des Kalmar konnten Wissenschaftler bisher nicht für direkte Untersuchungen erhalten. Aus der Tiefe wurden nur beschädigte Jungtiere geborgen oder zufällige Exemplare in den Mägen anderer Meerestiere gefunden, daher sind Videoaufnahmen in der natürlichen Umgebung eine der wichtigsten Wissensquellen über diese Tiere.
Wissenschaftler können noch nicht sicher sagen, wie lange sie leben, wie sie sich vermehren und jagen. Es ist nicht einmal vollständig geklärt, wie der Kalmar seine ungewöhnlich langen Arme und Tentakel einsetzt – sie könnten ein Werkzeug zum Fangen von Beute vom Boden sein oder zum Sammeln organischer Partikel, die aus höheren Schichten herabfallen.
Jede Begegnung bringt einige Antworten – und viele neue Fragen.
Unterwasserberge als Inseln des Lebens
Der Kalmar wurde in der Nähe des Unterwasserbergs Davidson gesichtet, der etwa 130 Kilometer südwestlich von Monterey liegt. Dieser Berg ist biologisch vielfältig: An seinen Hängen leben 237 Tierarten und 27 Arten von Tiefseekorallen.
Unterwasserberge erheben sich über den tiefen Meeresboden und verändern die Bewegung der ozeanischen Strömungen. Um sie herum konzentrieren sich Nährstoffe und Nahrung, wodurch an den Hängen und über den Gipfeln lebensreiche Ökosysteme entstehen. Davidson ist bereits bekannt für Gärten alter Tiefseekorallen – einige von ihnen sind über hundert Jahre alt – und für eine Kinderstube von Perlenkraken, die sich dort vermehren.
Während der aktuellen Expedition versuchten die Wissenschaftler zunächst herauszufinden, ob Schnabelwale beim Nahrungssuchen geheimnisvolle Furchen auf dem weichen Boden hinterlassen könnten. Ein weiteres Ziel war es, den Stoffwechsel von Tiefseekorallen und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaveränderungen zu untersuchen.
Aber der Ozean bot ihnen eine Begegnung, die nicht im Programm stand.
So geschehen Entdeckungen oft: Der Forscher schaut in eine Richtung, und das Leben erscheint unerwartet von der anderen Seite des Bildschirms.
Vibrationen der Liebe aus der Tiefe
Die Liebe zum Ozean beginnt nicht nur mit der Bewunderung seiner Schönheit. Sie beginnt mit der Anerkennung des Wertes des Lebens, das wir kaum kennen.
Das Unterwasserfahrzeug beleuchtete den Kalmar nur für einen Augenblick. Aber die Kamera machte ihn nicht zu einem Ausstellungsstück – sie ermöglichte es, ein lebendiges Wesen in seiner eigenen Welt zu sehen, atmend und sich nach eigenen Gesetzen bewegend, die wir erst zu verstehen beginnen.
Der Abgrund war nicht leblos. Er bewegte sich, atmete und breitete die Flügel aus.
Wir suchen andere Welten unter fernen Sternen, obwohl eine davon nur wenige Kilometer unter der Meeresoberfläche beginnt. Und vielleicht besteht unsere Aufgabe nicht darin, sofort alle ihre Geheimnisse zu lüften, sondern zu lernen, uns ihnen behutsam zu nähern.
Vielleicht antwortet die wahre Tiefe nicht dem, der versucht, sie zu besitzen. Sie öffnet sich dem, der mit Respekt zu schauen versteht – und das Leben selbst in völliger Stille zu hören vermag.



