Bitcoin ist unerwartet über die Marke von $64 000 gestiegen, und der Grund dafür sind nicht die üblichen makroökonomischen Signale, sondern eine Flut von Großaufträgen für die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz. Während Öl aufgrund der Spannungen in der Straße von Hormus teurer wird und die Renditen langfristiger US-Anleihen ihre Höchststände seit dem Jahr 2007 erreichen, findet die Kryptowährung Unterstützung in Nachrichten über milliardenschwere Verträge von NVIDIA und OpenAI.
Die größten Bitcoin-Miner schürfen nicht mehr nur Münzen, sondern vermieten ihre Kapazitäten aktiv für KI-Berechnungen. Riot Platforms hat einen 20-Jahresvertrag über 191 MW mit einem der führenden KI-Labore abgeschlossen, und NVIDIA hat die Unterstützung der „KI-Fabrik“ von OpenAI mit einem potenziellen Umsatz von bis zu $600 Mrd. bis zum Jahr 2030 angekündigt. Diese Geschäfte verschaffen den Minern ein stabiles Dollar-Einkommen und verringern die Abhängigkeit von der Volatilität des Bitcoins selbst.
Investoren, die Mining nur als energieintensives Geschäft kannten, sehen sich nun mit einer neuen Logik konfrontiert: Überschüssige Kapazitäten und billige Energie werden zu einem Wettbewerbsvorteil im Rennen um die KI-Infrastruktur. Unternehmen wie Strategy (ehemals MicroStrategy) akkumulieren weiterhin Bitcoin, lernen aber gleichzeitig, einen Teil ihrer Bestände zu verkaufen, um die Liquidität und die Dividenden für Vorzugsaktien aufrechtzuerhalten.
Dabei bleibt die Korrelation von Bitcoin mit traditionellen Makroindikatoren gering. Die Inflationsdaten aus den USA hatten kaum Auswirkungen auf den Preis, und die Aufmerksamkeit des Marktes verlagert sich zunehmend auf interne Faktoren der Kryptoindustrie – regulatorische Klarheit, institutionelle Nachfrage und die Tokenisierung von Vermögenswerten. Dies macht den Vermögenswert unabhängiger, aber auch anfälliger für branchenspezifische Risiken.
Für den durchschnittlichen Anleger stellt sich die Situation als Verflechtung zweier großer Geschichten dar: das explosive Wachstum der KI und die Entwicklung von Bitcoin vom „digitalen Gold“ zu einem Element der Energie- und Recheninfrastruktur. Diejenigen, die Minern gegenüber früher skeptisch waren, sehen in ihnen nun potenzielle Nutznießer des KI-Booms und nicht mehr nur Stromverbraucher.
Doch hinter dem äußeren Optimismus bleiben Risiken bestehen: Eine Blockade der Straße von Hormus könnte die Ölpreise weiter in die Höhe treiben und den Inflationsdruck verstärken, während die Anleiherenditen den Appetit auf risikoreiche Anlagen bereits einschränken. Unter diesen Bedingungen zeigt Bitcoin nicht so sehr ein stetiges Wachstum, sondern vielmehr die Fähigkeit, in einer sich wandelnden Welt neue Stützpunkte zu finden.

