Geografie der Wunder: Orte mit einzigartigen Landschaften und Ökosystemen

Autor: Irina Davgaleva

Orte auf der Erde mit außergewöhnlicher natürlicher Schönheit

Unser Planet ist der größte aller Schöpfer, dessen Meisterwerke über Jahrmillionen ohne menschliches Zutun entstanden sind. In den entlegensten Winkeln der Welt hat die Natur Landschaften geformt, die so erstaunlich sind, dass sie wie das Produkt der Fantasie eines Künstlers oder die Kulisse eines Science-Fiction-Films wirken. Doch diese Orte existieren wirklich: Sie atmen, verändern sich und folgen ihren eigenen Gesetzen – und jeder, der sie erblickt, verliert für einen Moment die Sprache.

Was bringt uns dazu, vor dem Anblick eines schneebedeckten Vulkans innezuhalten, an dessen Fuß rosa Flamingos stolzieren? Warum stockt uns der Atem beim Anblick eines Canyons, in dem das Sonnenlicht durch schmale Spalten bricht und wie ein Lebewesen über die Wände gleitet? Die Antwort ist simpel: Diese Landschaften sprengen den Rahmen gewöhnlicher Vorstellungen von Schönheit. Sie gleichen nicht den klassischen Postkarten mit Berggipfeln oder Tropenstränden – sie fordern unsere Wahrnehmung heraus und lassen uns glauben, dass die Welt viel facettenreicher ist, als wir gewöhnlich denken.

Die Natur folgt keinen Kanons und passt sich keinen Erwartungen an. Sie erschafft einzigartige Lebensformen und Landschaften dort, wo Leben eigentlich unmöglich scheint: auf den Gipfeln alter Tafelberge, in den Tiefen von Kraterseen, die ihre Farbe durch unterirdische Kräfte verändern, oder auf Inseln, wo Bäume mit schirmartigen Kronen den Nebel der Meereswinde einfangen. Jeder dieser Orte ist das Ergebnis eines unglaublichen Zusammenspiels der Umstände: geologische Prozesse, klimatische Bedingungen und evolutionäre Wege, die Jahrmillionen andauerten.

Unter den erstaunlichsten Schöpfungen der Erde lassen sich folgende hervorheben:

Chile. Atacama: eine der trockensten Wüsten des Planeten – und einer der sternenreichsten Himmel

Die Atacama ist eine der trockensten nicht-polaren Wüsten der Erde. Einige dortige Wetterstationen haben über Jahrzehnte hinweg keine Niederschläge verzeichnet. Doch „trocken“ ist das irreführendste Wort, um diesen Ort zu beschreiben. Denn die Atacama besteht aus den weiten Salzebenen des Salar de Atacama, wo die Spiegelung des Himmels in flachen Pfützen einen endlosen Spiegel erzeugt. Da sind die türkisfarbenen Lagunen wie die Laguna Cejar, deren hohe Salzkonzentration das Wasser sehr dicht macht. Es gibt drei Flamingoarten, darunter der seltene James-Flamingo, die in den Gewässern der Laguna Chaxa vor der Kulisse schneebedeckter Vulkane fressen. Und da ist der Himmel – so klar, dass hier die ALMA-Teleskope errichtet wurden.

Im Valle de la Luna – dem „Mondtal“ – kann man eine Landschaft durchqueren, die Wissenschaftlern als Analogon zur Marsoberfläche dient: dieselben Mineralablagerungen, dieselbe extreme Trockenheit und dieselbe scheinbare Lebensfeindlichkeit auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick erkennt man lebendige Felswände mit Schichten von ziegelrot bis weiß und Sonnenaufgänge, bei denen der Sand der Atacama in Kupfer und Gold erstrahlt. Das Geothermalfeld El Tatio – eines der größten Geysirgebiete der Welt – stößt in einer Höhe von etwa 4300 Metern über dem Meeresspiegel Dampfstrahlen aus, am eindrucksvollsten im Morgengrauen, wenn die Kälte den Dampf besonders dicht macht.

Reisezeit

Die beste Zeit für den Sternenhimmel ist Juni bis August (Winter, trocken, kalte Nächte). Für Flamingos und blühende Kakteen eignen sich die Monate Dezember bis Februar. Als Basislager dient San Pedro de Atacama.

Arizona, USA. Antelope Canyon: 190 Millionen Jahre, in Stein gemeißelt

Das Navajo-Wort für den Upper Antelope Canyon lautet „Tse Bighanilini“, was so viel bedeutet wie „der Ort, an dem Wasser durch Felsen fließt“. Diese Beschreibung ist präziser als jede Fotografie. Der Canyon entstand im Navajo-Sandstein, einer geologischen Formation aus der Jurazeit, die etwa 190 Millionen Jahre alt ist. Über Jahrmillionen haben saisonale Sturzfluten schmale Spalten hineingeschnitten: Das Wasser bahnte sich seinen Weg durch den Stein, umfloss jede Biegung und polierte die Wände zu skulpturaler Perfektion. Dann folgten Dürreperioden – und der Wind glättete die Oberflächen noch sorgfältiger. Das Ergebnis sind wellenförmige, orangerote Wände, die ihre Farbe je nach Lichteinfall von Pfirsich bis Dunkelrot verändern.

Licht ist das entscheidende Stichwort. Von März bis Oktober fallen die Sonnenstrahlen mittags durch die schmalen Spalten im Gewölbe senkrecht herab und erzeugen das, was Fotografen als „Beams“ bezeichnen – Säulen aus goldenem Licht, die fast greifbar wirken. Genau wegen dieser Lichtstrahlen reisen Fotografen aus der ganzen Welt an: Der Antelope Canyon ist der am häufigsten fotografierte Slot Canyon des Planeten. Die ersten organisierten Touren begannen im Jahr 1983, als die Navajo-Familie Pearl Begay den Zugang öffnete. Heute ist der Canyon ein geschützter Navajo Tribal Park, und alle Guides sind Vertreter des Navajo-Volkes. Für die Navajo ist dieser Canyon ein heiliger Ort: Alle vier Jahre findet hier eine Zeremonie zum Dank an die Elemente statt, die ihn geschaffen haben.

Zugang

Der Zutritt ist nur mit einem Navajo-Guide gestattet – ein eigenständiger Besuch ist verboten. Der Upper Canyon ist für die meisten Touristen bequemer, da der Zugang ebenerdig ist und die Durchgänge breiter sind. Der Lower Canyon ist schmaler und abgelegener.

Jemen. Sokotra: Die „Galapagos-Inseln des Indischen Ozeans“, die kaum jemand gesehen hat

Die UNESCO bezeichnet Sokotra als „eine der an Biodiversität reichsten und einzigartigsten Inseln der Welt“. Die Daten belegen dies: 37 % der 825 Pflanzenarten der Insel existieren nirgendwo sonst auf der Erde. Unter den Reptilien liegt der Endemismusgrad bei 90 %. Bei den Landschnecken sind es 95 %. Genau deshalb hat sich der Vergleich mit Galapagos fest etabliert. Doch im Gegensatz zu Galapagos empfängt Sokotra nicht Hunderttausende Touristen pro Jahr, sondern weitaus weniger – die Logistik ist zu komplex, die Routen sind ungewöhnlich. Dies macht sie zu einem der unberührtesten Orte des Planeten.

Das Wahrzeichen der Insel ist der Drachenbaum (Dracaena cinnabari): Seine horizontal ausgerichtete, schirmartige Krone hat sich über Jahrmillionen der Isolation entwickelt, um den Nebel der Meereswinde aufzufangen. Diese Bäume leben zwischen 500 und mehreren tausend Jahren. Daneben findet sich der Flaschenbaum (Adenium obesum) mit einem aufgeblähten Stamm, der an einen Kaktus erinnert. Es gibt türkisfarbene Buchten mit weißem Sand und Korallen – 253 Arten von riffbildenden Korallen, 730 Arten von Küstenfischen sowie 300 Arten von Krabben, Hummern und Garnelen. Die Insel wurde 2008 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen und ist seit 2003 ein Biosphärenreservat.

Zugang

Charterflüge von Abu Dhabi nach Hadibu (der Hauptstadt der Insel) verkehren 2–3 Mal pro Woche über autorisierte Anbieter. Das Visum kostet 150 US-Dollar und wird nur über einen lokalen Sponsor-Veranstalter ausgestellt. Eine eigenständige Einreise ist nicht möglich. Hauptsaison ist von Oktober bis April. Camping mit lokalen Guides ist das übliche Format. Eine Buchung sollte mehrere Monate im Voraus erfolgen.

Venezuela. Tafelberg Roraima: Eine verlorene Welt über den Wolken

Der Roraima-Tepui ist ein Tafelberg, dessen Alter auf Milliarden von Jahren geschätzt wird: eine der ältesten geologischen Formationen auf der Erdoberfläche. Sein Gipfel liegt auf einer Höhe von etwa 2772 Metern. An drei Seiten fallen die Wände über einen Kilometer steil ab – vertikale Felsen, von denen ständig Wasserfälle herabstürzen, die in den Wolken darunter verschwinden. Dies ist einer der wenigen Orte der Welt, an denen man buchstäblich über den Wolken steht und auf sie herabblickt.

Das Plateau oben ist eine eigene Welt mit einem einzigartigen Ökosystem: kristallklare Flüsse und rosa schimmernde Lagunen aufgrund von Algen und Mikroorganismen sowie schwarze Felsen in bizarren Formen, die durch Milliarden Jahre der Erosion geformt wurden. Etwa 35 % der Pflanzenarten auf dem Gipfel sind endemisch. Genau der Roraima inspirierte Arthur Conan Doyle 1912 zu seinem Roman „Die vergessene Welt“. Die Route zum Gipfel – ein sechstägiges Trekking durch die Gran Sabana – ist eine der bekanntesten Wanderungen Südamerikas.

Indonesien. Kelimutu-Seen: drei Krater, drei verschiedene Farben

Auf dem Gipfel des Vulkans Kelimutu auf der Insel Flores befinden sich drei Kraterseen. Das wäre nichts Ungewöhnliches – gäbe es da nicht eine Besonderheit: Sie haben unterschiedliche Farben. Und diese Farben ändern sich. In den letzten Jahrzehnten waren die Seen dunkelblau und grün, türkis und smaragdgrün, schokoladenbraun und rot oder fast schwarz. Der Grund dafür ist die Veränderung der chemischen Zusammensetzung des Wassers unter dem Einfluss von vulkanischen Gasen, die vom Boden aufsteigen: Schwefel, Eisen und verschiedene Säuren reagieren je nach Intensität der vulkanischen Aktivität unterschiedlich mit dem Wasser. Zwei benachbarte Seen sind nur durch einen schmalen Felsrücken getrennt – und können dennoch gleichzeitig völlig unterschiedliche Farben aufweisen.

Für das Volk der Lio, das am Fuße des Vulkans lebt, sind diese Seen ein heiliger Ort: Nach ihrem Glauben ziehen die Seelen verstorbener Menschen unterschiedlichen Alters in verschiedene Seen. Die beste Zeit für den Aufstieg ist im Morgengrauen: Der Nebel im Tal ist noch nicht aufgestiegen, und das Licht ist früh und sanft. Vom Hauptaussichtspunkt bis zum Gipfel sind es etwa 30 Minuten zu Fuß.

Anreise

Die nächstgelegene Stadt ist Ende auf der Insel Flores. Direktflüge von Bali (Denpasar) nach Ende dauern etwa 1,5 Stunden. Von Ende bis zum Vulkan sind es 50 km, etwa eine Stunde Fahrt. Die beste Besuchszeit ist von April bis Oktober (Trockenzeit). Der Eintritt kostet etwa 150.000 Indonesische Rupien.

Nevada, USA. Fly Geyser: ein zufälliges Wunder inmitten der Wüste

Im Jahr 1964 bohrte ein Energieunternehmen in der Black Rock Desert in Nevada nach geothermischen Quellen. Das Bohrloch wurde aufgegeben, da das geothermische Wasser für die geplante Nutzung zu heiß war. Doch das Wasser hörte nicht auf zu fließen. Über Jahrzehnte hinweg lagerte es am Ausgang des Bohrlochs langsam Kalziumkarbonat und andere Mineralien ab. In sechzig Jahren wuchs ein etwa zwei Meter hoher Travertinkegel heran, der mit thermophilen Algen in allen Schattierungen von Grün, Orange und Rot bedeckt ist. Aus ihm schießen drei Wasserstrahlen – ununterbrochen, rund um die Uhr. Es handelt sich im strengen Sinne nicht um einen natürlichen Geysir. Es ist ein zufälliges Kunstwerk, das die Erde an der Schnittstelle von Geologie und menschlichem Irrtum geschaffen hat.

Im Jahr 2016 erwarb die Organisation Burning Man Project das Gelände – dieselbe, die jährlich das berühmte Festival in dieser Wüste veranstaltet. Nun ist der Geysir durch organisierte Touren für Besucher zugänglich. Vorbeifahren ist unmöglich: Die leuchtenden Mineralfarben vor der grau-beigen Wüste sind schon von weitem sichtbar.

Zugang

Nur über organisierte Touren auf der Website der Fly Ranch möglich – die Eigentümer haben den Zugang über das Burning Man Project geöffnet. Der Geysir liegt 100 Meilen nördlich von Reno, Nevada. Der nächstgelegene große Flughafen ist Reno-Tahoe. Touren finden in kleinen Gruppen statt und müssen im Voraus gebucht werden.

Jeder dieser Orte entstand ohne Plan – durch Jahrmillionen der Erosion, vulkanische Aktivität, Isolation und Zufall. Genau deshalb sind sie so beeindruckend: Es gibt in ihnen kein einziges überflüssiges Element. Nur das, was die Natur für notwendig erachtet hat. Nur das, was genau hier entstanden ist – und nirgendwo sonst.

„Die Erde erschafft diese Landschaften seit Jahrmillionen. Uns bleibt nur eines: hinzugehen und sie anzusehen“ – National Geographic

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Quellen

  • National Geographic — жизнь в пустыне Атакама, фламинго и астрономия:

  • UNESCO — Сокотра, Всемирное наследие, биоразнообразие:

  • Geology Science — геология каньона Антилопы, юрский песчаник:

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