Was wäre, wenn Unvollkommenheit kein Fehler, sondern ein Markenzeichen wäre?

Autor: Nataly Lemon

Was wäre, wenn Unvollkommenheit kein Fehler, sondern ein Markenzeichen wäre?-1
Ein Autorengimmick, wie handwerkliche Schokolade.

Was, wenn der Hauptgrund dafür, dass ein Text nicht im Gedächtnis bleibt, gar nicht an gedanklicher Schwäche liegt, sondern an dem allzu eifrigen Bestreben, alles perfekt zu machen?

Es ist paradox, aber in der redaktionellen und journalistischen Praxis zeigt sich dies immer wieder: Je gründlicher ein Autor oder Redakteur das Material glättet und dabei alles Lebendige, Persönliche und Unebene entfernt, desto mehr verliert der Text an Charakter. Er wird zwar ordentlich, aber eben auch gesichtslos. Wirklich starke Texte leben fast nie von makelloser Perfektion, sondern von ihrem Wiedererkennungswert.

Unvollkommenheit ist keineswegs ein Problem. Oftmals stellt sie sogar die eigentliche Quelle der schöpferischen Kraft eines Autors dar.

Die Handschrift des Autors zählt mehr als perfekte Glätte

Viele Autoren beginnen mit dem fast schon heiligen Grundsatz, dass ein Text tadellos sein muss. Doch bei der Jagd nach absoluter Glätte verliert man leicht das Wertvollste – die lebendige Präsenz des Autors.

Anne Lamott, die US-Schriftstellerin und Autorin bekannter Ratgeber zum Thema Schreiben, verbirgt ihre Zweifel, sprunghaften Gedanken und ihre Verletzlichkeit nicht, sondern macht sie stattdessen zum festen Bestandteil ihrer Texte. Genau deshalb liest sich ihr Werk Bird by Bird („Wort für Wort“) wie ein zutiefst menschliches, warmes und lebendiges Buch und nicht wie ein trockenes Lehrbuch mit perfekt konstruierten Formeln.

Darin liegt die Kraft der Unvollkommenheit: Sie vermittelt das Gefühl, einem echten Menschen zu begegnen. Der Leser nimmt nicht einfach nur Informationen auf – er spürt, dass hinter den Zeilen eine reale Persönlichkeit steht.

Eigenheiten sind kein Hindernis

Mit der Zeit entwickelt jeder Schreibende ganz eigene Gewohnheiten: Manche verlieren sich in langen Abschweifungen, andere bevorzugen eine harte Wortwahl oder bauen ihre Texte fragmentarisch auf. Zu Beginn einer Karriere werden solche Merkmale oft noch als Mängel wahrgenommen. Doch genau diese Eigenheiten können sich im Laufe der Zeit zum persönlichen Stil entwickeln.

Joan Didion ist dafür eines der besten Beispiele. Die US-Journalistin und Schriftstellerin, eine Schlüsselfigur des „New Journalism“, schrieb stets auf eine sehr persönliche Weise: mit distanzierter Präzision, einer fragmentarischen Struktur und einer starken Präsenz. Sie wurde oft für ihre übermäßige Subjektivität kritisiert, doch gerade dieser Tonfall machte sie unverwechselbar. Das weiße Album und Das Jahr des magischen Denkens wurden nicht trotz dieses Stils zu Klassikern, sondern genau deswegen.

Ein Autorentext muss nicht jedem gefallen. Er darf seinen eigenen Geschmack, seinen eigenen Klang und seinen ganz eigenen Charakter haben.

Kürzere Texte erzielen oft eine bessere Wirkung

Der Versuch, sofort einen großen, perfekt polierten Artikel zu verfassen, ist fast eine Garantie dafür, in der Perfektionismus-Falle stecken zu bleiben. Viel hilfreicher ist es, mit kleineren Texten zu beginnen, in denen man experimentieren, Fehler machen, die Tonalität ändern und sich ohne übermäßigen Druck selbst finden kann.

David Foster Wallace ist hierfür ein weiteres interessantes Beispiel. Der US-amerikanische Schriftsteller und Essayist wurde für seine äußerst dichte Prosa berühmt: endlose Sätze, Fußnoten, philosophische Exkurse und eine enorme Gedankendichte in jedem Absatz. Anfangs wirkte dieser Stil auf viele überladen. Doch gerade in kurzen Magazinbeiträgen verfeinerte er diesen Ansatz, und sein Sammelband Am Beispiel des Hummers wurde zu einem modernen Klassiker.

Auch hier greift die gleiche Logik: Unvollkommenheit muss kein handwerklicher Mangel sein, sondern kann eine Form von Präzision darstellen. Manchmal ist es genau das, was einen Text lebendig und unvergesslich macht.

Was könnten Sie ausprobieren?

Nehmen Sie einen fertigen Artikel und fügen Sie zwei oder drei Stellen wieder ein, die Sie eigentlich nur der „Sauberkeit“ halber gestrichen hatten.

Wählen Sie eine Ihrer stilistischen Eigenheiten aus und versuchen Sie, diese bewusst zu Ihrer Stärke zu machen.

Stellen Sie sich vor der nächsten Veröffentlichung eine einfache Frage: Wie würde dieser Text aussehen, wenn ich nicht versuchen würde, es allen recht zu machen?

Wagen Sie es, unvollkommen zu sein. Oft tritt erst in dieser Version die wahre Handschrift des Autors zutage – wie bei einer hochwertigen handgemachten Schokolade: mit Charakter, Tiefe und einem bleibenden Nachgeschmack.

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