Deutschland erlebt derzeit eine beispiellose Flut von Meldungen über leuchtende Kugeln und rätselhafte Lichter am Himmel. Während die Veröffentlichung der „UFO-Archive“ des Pentagons die weltweiten Debatten über unidentifizierte anomale Phänomene neu entfacht, arbeitet im hessischen Lützelbach seit Jahrzehnten das Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) – ein Zentrum, an das sich Deutsche wenden, die eine wissenschaftliche Erklärung für ihre Beobachtungen suchen.
Rekordanstieg an Meldungen
Hansjürgen Köhler, Leiter von CENAP, stellt fest: Nie zuvor hat das Zentrum so viele Anfragen erhalten – drei bis sechs täglich. Dies macht die Organisation zum meistfrequentierten Dienst für UFO-Meldungen im deutschsprachigen Raum. Bis August 2026 hat Köhlers Team rund 14.000 Fälle analysiert und erklärt.
Köhler selbst ist Amateurastronom; sein Einstieg in das Thema begann nach eigener Aussage „aus jugendlicher Leichtfertigkeit“. Die Sternwarte, in der er arbeitete, wurde von Anrufen über „Fliegende Untertassen“ überflutet, woraufhin das Team beschloss, sich ernsthaft mit dem UFO-Thema zu befassen. Bereits mit elf Jahren sah er die Mondlandung im Fernsehen, was sein Interesse am Himmel weckte. Im Jahr 1973 bestellten junge Forscher Mikrofilme aus den USA aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die Aufnahmen damals unerklärlicher Objekte zeigten – und sie waren überzeugt, dass „auch damals, während des Krieges, immer wieder Naturphänomene beobachtet wurden“.
Pentagon-Archive: „Wir können höchstens gähnen“
Eine neue Welle des Interesses wurde von Washington ausgelöst. Nachdem die US Navy Videos von Begegnungen militärischer Piloten mit unbekannten Objekten veröffentlicht hatte, bestätigte das Pentagon im April 2020 erstmals offiziell die Echtheit von drei Clips, die in den Jahren 2004 und 2015 aufgenommen wurden. Im Dezember 2022 wurde innerhalb des US-Verteidigungsministeriums eine spezielle Einheit, das All-domain Anomaly Resolution Office (AARO), eingerichtet. Diese untersucht systematisch UAP-Berichte und bewertet potenzielle Bedrohungen für die nationale Sicherheit. Die freigegebenen Akten enthalten auch Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg – leuchtende Objekte, die laut Pilotenbeschreibungen ihre Flugzeuge über Deutschland mit hoher Geschwindigkeit begleiteten.
Für Köhler ist all das eine längst bekannte Geschichte: „Diese Archive kennen wir ohnehin schon lange, da gibt es nichts, was für mich neu wäre… Und wir können, wenn wir uns die alten Aufzeichnungen ansehen, höchstens gähnen.“
Gimbal-Video und der Ballon
Eine der meistdiskutierten Aufnahmen ist das sogenannte Gimbal-Video, das im Januar 2015 während eines Trainingsfluges einer F/A-18 der US Navy vor der Küste Kaliforniens entstand. Die Infrarotaufnahme zeigt ein Objekt, das sich scheinbar um die eigene Achse dreht; das Pentagon bestätigte die Echtheit des Clips, konnte die Natur des Objekts jedoch nicht eindeutig bestimmen.
Köhler ist überzeugt: Das Video zeigt lediglich einen Wetterballon, und die scheinbare Geschwindigkeit des Objekts erklärt sich durch die relative Bewegung zwischen dem schnellen Kampfjet und dem Ballon. Der Experte weist auch auf eine Schwachstelle der F/A-18 selbst hin: Seit ihrer Indienststellung hatte das Flugzeug Probleme mit seinem elektronischen Messsystem, und selbst nach neun Updates treten falsche Anzeigen auf, auch bei der Geschwindigkeit. Mit Ärger gesteht er jedoch ein, dass die Erklärungen „im Strom untergehen“: Der Film wird immer wieder in sozialen Netzwerken gezeigt, aber die Widerlegungen nimmt niemand zur Kenntnis.
Was die Menschen wirklich sehen
Die Liste der von CENAP identifizierten Objekte ist prosaisch: Flugzeuge, Helikopter, Raketenstufen, Satelliten, Meteore und helle Boliden, Planeten und helle Sterne, alle möglichen Arten von Ballons – von Wetterballons bis hin zu festlichen XXL-Folienballons von Kindergeburtstagen und Hochzeiten. Hinzu kommen Laser von Eventfirmen, deren Strahlen sich kilometerweit erstrecken.
Es gibt auch Fälle, mit denen selbst die Polizei nicht zurechtkommt: „Zwei Polizisten stehen zusammen mit dem Anrufer, schauen in den Himmel, können ebenfalls nicht verstehen, was passiert, und wenden sich an uns“, berichtet Köhler. Sein Rat ist einfach: Kostenlose astronomische Apps zeigen den Namen eines Himmelsobjekts an, wenn man das Telefon darauf richtet.
Keine Außerirdischen, sondern Datenmangel
Es gibt auch Fälle, die CENAP nicht erklären konnte. Doch denen, die darin einen Beweis für Besuche von Außerirdischen sehen, dämpft Köhler den Enthusiasmus: „Das waren keine Ankünfte von Außerirdischen. Diese Episoden blieben einfach ungeklärt, weil uns wichtige Informationen fehlen.“ Für eine ernsthafte Untersuchung benötigt das Zentrum Datum, Uhrzeit, Ort, Himmelsrichtung und, wenn möglich, Foto- oder Videomaterial.
CENAP wird gelegentlich für übermäßigen Skeptizismus und das Setzen auf klassische Erklärungen kritisiert. Befürworter sehen dies jedoch als Stärke der Organisation: Ihre Aufgabe ist es, Beobachtungen wissenschaftlich zu bewerten und wirklich unerklärliche Phänomene von fehlerhaften Interpretationen zu trennen.
Köhler selbst, ohne die Existenz von Leben im Universum zu leugnen, ironisiert über „tägliche Besuche von Gästen aus dem Weltraum“: „Dass sie mit hochentwickelter Technologie Galaxien durchqueren, auf unserem blauen Planeten ankommen und dann ausgerechnet hier in der Wüste abstürzen?“

