An den hügeligen Hängen rund um Antananarivo, wo moderne Viertel neben Reisfeldern existieren, entfaltet sich eine unerwartete Geschichte: Auf alten heiligen Hügeln, bekannt als „Doany“, leben Dutzende einheimische Baum- und Straucharten – Pflanzen, die in gewöhnlichen Stadtparks und auf Brachflächen selten sind. Diese Orte bewahren das stille Gedächtnis an die präindustrielle Zeit, als das zentrale Hochland Madagaskars mit Wald bedeckt war.
Eine in Nature Cities veröffentlichte Studie untersuchte 329 Standorte mit natürlicher Pflanzenregeneration in der Agglomeration der madagassischen Hauptstadt. Die Forscher analysierten über 25.000 junge Bäume von 206 Arten und stellten fest, dass 39 Prozent davon einheimische Arten sind. Ein entscheidendes Muster wurde deutlich: Der Reichtum der lokalen Flora nimmt mit zunehmender Bebauungsdichte und steigendem sozioökonomischem Niveau des Gebiets erheblich ab. Exotische, invasive Arten hingegen gediehen unabhängig von diesen Faktoren.
Besonders bemerkenswert: Sieben der zehn artenreichsten Standorte befinden sich auf heiligen Hügeln – Orte, an denen alte Traditionen wirtschaftliche Aktivitäten verboten haben. Diese Hügel sind mit der Erinnerung an die königliche Dynastie von Imerina verbunden und viele von ihnen tragen Spuren der vorkolonialen Ära. Bis heute roden oder bebauen die Anwohner diese Gebiete selten und halten sich an alte Traditionen der Ahnenverehrung. In der Nähe der heiligen Hügel liegen Primärwälder, die durch jahrhundertealte „Fady“-Tabus – kulturelle Verbote, die tief in der madagassischen Kultur verwurzelt sind – geschützt sind. Diese Tabus verbieten das Fällen von Bäumen, Ausgrabungen und Bestattungen in heiligen Wäldern, wo die Überreste königlicher Vorfahren ruhen.
Die Urbanisierung verändert viele Filter, durch die Samen gelangen: Die Landschaft zwischen den Standorten wird transformiert, der Bbaudruck nimmt zu, traditionelle Verbote verwischen. In Stadtparks und auf Brachflächen dominieren widerstandsfähige, oft eingeführte Arten, die gut an gestörte Böden und Verschmutzung angepasst sind. Auf den heiligen Hügeln wirkt das kulturelle Verbot wie ein unsichtbarer Schild, der es einheimischen Pflanzen ermöglicht, ohne direkten menschlichen Eingriff zu keimen, Wurzeln zu schlagen und sich zu vermehren.
Die Ergebnisse zeigen, dass in wachsenden tropischen Städten soziokulturelle Faktoren mindestens ebenso wichtig sein können wie ökologische Variablen. Für Madagaskar, wo 93 Prozent der Baumarten endemisch sind und die Urbanisierung rasant voranschreitet, ist dieses Muster von entscheidender Bedeutung. Dort, wo formelle Schutzstatus noch nicht eingeführt sind, erfüllen alte Traditionen der Naturverehrung weiterhin die Rolle inoffizieller Schutzgebiete – eine Art Versicherung für die Biodiversität angesichts von staatlichen Maßnahmen, die oft hinterherhinken.
Heilige Stätten können und sollen keine vollwertigen Nationalparks und Reservate ersetzen – aber sie zeigen einen einzigartigen Weg: Die Achtung des kulturellen Erbes und lokaler Traditionen kann gleichzeitig dem Naturschutz dienen. In städtischen Landschaften, wo der formelle Schutz nicht mit dem Bautempo Schritt hält, werden diese „unsichtbaren“ Zufluchtsorte zu einem wichtigen Element der Biodiversitäts-Mosaik, einem Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der Erhalt und die respektvolle Behandlung heiliger Stätten sind eine der zugänglichsten und kulturell sensibelsten Methoden zur Unterstützung der lokalen Pflanzenvielfalt in schnell wachsenden afrotopischen Städten, wo traditionelle Weisheit mit ökologischer Notwendigkeit verknüpft ist.

