Neues Enzym baut „Rost“ des Alterns in menschlichen Geweben ab

Autor: Elena HealthEnergy

Neues Enzym baut „Rost“ des Alterns in menschlichen Geweben ab-1
Wenn das Fleisch eine appetitlich gebräunte Oberfläche erhält, findet die Maillard-Reaktion statt.

Jedes Mal, wenn Brot eine goldbraune Kruste bekommt oder Fleisch eine appetitliche gebratene Oberfläche entwickelt, findet die Maillard-Reaktion statt. Sie erzeugt den bekannten Duft und Geschmack von frisch zubereiteten Speisen. Aber nur wenige wissen, dass dieselbe chemische Reaktion im Laufe unseres Lebens langsam in unserem Körper abläuft.

Neues Enzym baut „Rost“ des Alterns in menschlichen Geweben ab-1
Das Enzym rekonstruiert das ursprüngliche Restfragment der Aminosäure Lysin, als würde es eine chemische Markierung löschen, die sich im Verlauf des Alterungsprozesses am Protein gebildet hat.

Nach und nach reagieren Zucker mit Proteinen und Fetten und bilden sogenannte Advanced Glycation End Products (AGEs). Diese Verbindungen reichern sich im Kollagen und anderen langlebigen Proteinen an, wodurch Gewebe steifer und weniger elastisch werden. Mit der Zeit fördern sie chronische Entzündungen und werden mit der Entwicklung von Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nieren-, Augen- und vielen anderen altersbedingten Pathologien in Verbindung gebracht. Lange Zeit glaubte man, dass solche chemischen Veränderungen, sobald sie einmal aufgetreten sind, für immer im Gewebe verbleiben.

Gerade diese Vorstellung beginnt nun, überdacht zu werden.

Wissenschaftler von Revel Pharmaceuticals haben gemeinsam mit Calico Life Sciences und der University of Colorado Anschütz ein Enzym entwickelt, das bereits abgelagerte AGE-Modifikationen von Proteinen entfernen kann. Die Studie wurde im Juli 2026 im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht.

Der Projektleiter und CEO von Revel Pharmaceuticals, Aaron Krayvens, erklärte, dass das Enzym CMLase durch eine Kombination aus Computersuche, künstlicher Intelligenz und gerichteter Evolution entstanden sei. Als ursprüngliche Basis dienten Enzyme von Bodenmikroorganismen, die in der Natur organische Überreste zersetzen. Die Forscher analysierten mehr als 500 Millionen Proteinvarianten und erhielten nach mehreren Zyklen der technischen Optimierung ein Enzym, das in der Lage ist, Nε-Carboxymethyllysin (CML) – eine der am weitesten verbreiteten und stabilsten AGE-Modifikationen – effektiv zu entfernen.

Das Besondere an CMLase ist nicht nur, dass es CML entfernt. Das Enzym stellt die ursprüngliche Aminosäure Lysin wieder her und löscht sozusagen die chemische „Markierung“, die während des Alterungsprozesses auf dem Protein entstanden ist.

Die Ergebnisse waren beeindruckend. In Hautproben eines 75-jährigen Spenders wurde der CML-Gehalt auf ein Niveau reduziert, das für Gewebe deutlich jüngerer Menschen charakteristisch ist. In Arterienproben sank die Menge dieser Modifikation um mehr als 70 %. Gleichzeitig wurden die Gewebe weniger steif und ihre mechanischen Eigenschaften teilweise wiederhergestellt. Dies ist eine der ersten Studien, die zeigt, dass altersbedingte chemische Schäden an Proteinen, die lange als irreversibel galten, enzymatisch beseitigt werden können.

Der renommierte Biochemiker John Baines, der jahrzehntelang die Endprodukte der Glykation erforscht hat, nannte die Arbeit einen „echten Triumph der modernen Methoden“. Seiner Meinung nach reichern sich AGEs besonders stark im Kollagen an – einem Protein, das sich äußerst langsam erneuert und etwa fünfzehn Jahre im Gewebe verbleiben kann. Bisher gab es praktisch keine Möglichkeit, solche Moleküle selektiv zu entfernen.

Der nächste Schritt sind klinische Studien. In erster Linie planen die Entwickler, CMLase bei Augenerkrankungen im Zusammenhang mit Diabetes mellitus sowie altersbedingten Veränderungen der Netzhaut und der Linse zu testen. Wenn die Technologie ihre Sicherheit und Wirksamkeit bei Patienten bestätigt, könnte sie die Grundlage für eine neue Klasse von Medikamenten bilden, die nicht die Symptome des Alterns, sondern eine seiner molekularen Ursachen bekämpfen.

Michael Jewett, Professor für Bioingenieurwesen an der Stanford University, bemerkte, dass die Arbeit ein völlig neues Feld in der Medizin eröffnet. Anstatt nur zellinterne Prozesse zu beeinflussen, wird es möglich, die extrazelluläre Matrix – das Protein-Skelett, das alle Gewebe des Körpers stützt und sich mit dem Alter allmählich verändert – zu reinigen.

Die Studie verspricht keinen „Jungbrunnen“ und ersetzt nicht das natürliche Altern. Sie demonstriert jedoch eine prinzipiell neue Möglichkeit: Chemische Schäden an Proteinen, die jahrzehntelang als irreversibel galten, können mit Hilfe von Enzymen repariert werden. Wenn die Ergebnisse in klinischen Studien bestätigt werden, wird die Medizin einen wichtigen Schritt von der reinen Verlangsamung altersbedingter Veränderungen hin zu deren teilweiser molekularer Wiederherstellung machen.

Manchmal beginnen die größten Entdeckungen mit einer einfachen Beobachtung der Natur. Diesmal gaben Bodenmikroorganismen dem Menschen den Hinweis, die seit Millionen von Jahren die Kunst perfektioniert haben, Altes abzubauen, um Platz für Neues zu schaffen.

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Quellen

  • Reversal of protein chemical aging by enzymatic deglycation

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