Anatomie eines Manövers: Wie der Seitwärtsgang Krebstiere zu perfekten Überlebenskünstlern machte

Autor: Svitlana Velhush

Anatomie eines Manövers: Wie der Seitwärtsgang Krebstiere zu perfekten Überlebenskünstlern machte-1

Die Evolution verhält sich mitunter wie ein besessener Designer, der immer wieder zu derselben Form zurückkehrt. Biologen haben dafür einen speziellen Fachbegriff: Karzinisierung. Dabei handelt es sich um einen Prozess, bei dem völlig unterschiedliche Gruppen von Krebstieren das Erscheinungsbild einer Krabbe annehmen. In den letzten 200 Millionen Jahren hat die Natur die Krabbe mindestens fünfmal neu „erfunden“. Warum ist diese Form so effizient?

Das Hauptmerkmal der klassischen Krabbe ist ihre Kompaktheit. Im Gegensatz zu ihren gestreckten Vorfahren mit langen Schwänzen, die an Hummer erinnern, hat die Krabbe ihren Hinterleib unter den Vorderkörper geklappt. Dies machte sie weniger anfällig für Fressfeinde und ermöglichte es ihr, schmale Felsspalten zu besiedeln. Genau dieser Umbau des Körpers gab auch den Ausschlag für den berühmten Seitwärtsgang.

Der Grund liegt in der reinen Mechanik. Sobald der Panzer breiter als lang wird, verlagern sich die Beine an die Seiten des Rumpfes. Um sich vorwärts zu bewegen, müssten die Gelenke über einen immensen Rotationsradius verfügen, was die Stabilität der Konstruktion beeinträchtigen würde. Das seitliche Laufen erlaubt es der Krabbe hingegen, hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, indem sie einfache, aber kraftvolle Hebelbewegungen der Gelenke nutzt, ohne Gefahr zu laufen, über die eigenen Beine zu stolpern.

Dies bietet einen gewaltigen Vorteil in puncto Wendigkeit. Während ein Raubtier Zeit für eine Wende aufwenden muss, ändert die Krabbe einfach ihren Bewegungsvektor, ohne dabei ihre Körperposition anzupassen. Interessanterweise blieb die Evolution hier nicht stehen: Es existiert auch der Prozess der „Dekarzinisierung“, bei dem Arten beginnen, sich wieder in die Länge zu strecken.

Warum ist dieses Wissen für uns von Bedeutung? Die Erforschung der Biomechanik von Krabben hilft bei der Entwicklung von Laufrobotern für den Einsatz in unwegsamem Gelände oder auf dem Meeresboden. Durch die Nachahmung ihres Ganges lassen sich Maschinen konstruieren, die strömungsresistent sind und sich in Trümmerfeldern bewegen können, an denen Radtechnik machtlos ist.

Haben Sie sich jemals gefragt, wie sehr die Form unseres eigenen Körpers unsere Bewegungsfreiheit im Raum einschränkt, so wie der Panzer den Weg der Krabbe vorgibt?

Perspektivisch wird uns das Verständnis dieser evolutionären Sackgassen und Durchbrüche dabei helfen, künstliche Systeme besser zu entwerfen, damit diese ebenso anpassungsfähig werden wie ihre biologischen Vorbilder, die über Millionen von Jahren perfektioniert wurden.

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