Kann Schwerelosigkeit das Bewusstsein verändern?

Autor: Elena HealthEnergy

Kann Schwerelosigkeit das Bewusstsein verändern?-1
eine Person in einem Raumschiff in der Schwerelosigkeit

Wir halten die Schwerkraft meist für so selbstverständlich, dass wir ihre Anwesenheit kaum wahrnehmen. Sie begleitet uns vom ersten Atemzug an, unterstützt das Gehirn bei der Orientierung im Raum und prägt unmerklich unser Identitätsgefühl. Doch was geschieht eigentlich, wenn dieser beständige Anker plötzlich wegfällt?

Genau dieser Frage gehen die Autoren des neuen Fachartikels „Cosmic Odyssey: How Microgravity Changes Brain Function and the Experience of Consciousness“ nach, der in der Zeitschrift Frontiers in Psychology erschienen ist.

Die Forscher regen dazu an, die Mikrogravitation nicht nur als körperliche Herausforderung, sondern als einmalige Chance zur Erforschung des Bewusstseins zu begreifen. Ihrer Ansicht nach stellt die irdische Schwerkraft eine der fundamentalsten Orientierungsgrößen für unser Gehirn dar. Im Laufe von Jahrmillionen der Evolution hat das Nervensystem gelernt, deren Einfluss bei jeder Bewegung vorauszuberechnen und einzukalkulieren.

In der Schwerelosigkeit schwindet dieses vertraute Fundament schlagartig. Das Gleichgewichtsorgan übermittelt ungewohnte Signale, das herkömmliche Empfinden für Oben und Unten gerät aus den Fugen, und das Gehirn sieht sich gezwungen, seine inneren Modelle vom Körper und dem umgebenden Raum neu zu entwerfen.

Die Autoren verknüpfen diese Vorgänge mit der Theorie der aktiven Inferenz, wonach das Gehirn ständig Prognosen über die Welt erstellt und diese mit eintreffenden Informationen abgleicht. Wenn einer der wichtigsten Bezugspunkte – die Gravitation – nicht mehr wie gewohnt funktioniert, häufen sich die Vorhersagefehler. Als Konsequenz beginnt das Gehirn, sich an die neue Realität anzupassen, indem es seine Vorstellungen von der Körperposition und der Interaktion mit der Umwelt revidiert.

Interessanterweise erinnern einige Berichte von Astronauten an Wahrnehmungsveränderungen, wie sie in veränderten Bewusstseinszuständen auftreten. Die Betroffenen berichten von einem ungewöhnlichen Raumgefühl, einer veränderten Körperwahrnehmung und dem Empfinden, die gewohnten Grenzen der eigenen Persönlichkeit zu überschreiten. Die Autoren betonen zwar, dass solche Beobachtungen noch weiterer Untersuchungen bedürfen, doch sie ermöglichen es, das Weltall als eine Art Labor zur Erforschung des menschlichen Bewusstseins zu betrachten.

Der Artikel behauptet nicht, dass Schwerelosigkeit das Bewusstsein per se „erweitert“. Vielmehr eröffnet er eine neue Perspektive: Möglicherweise hängen unser Realitätssinn und unser Selbstempfinden weitaus stärker von der Schwerkraft ab, als wir bisher angenommen haben.

Sollte sich diese Hypothese in künftigen Studien bestätigen, könnten Weltraumflüge der Wissenschaft die einmalige Gelegenheit bieten, jene Mechanismen zu entschlüsseln, die dem Erleben des eigenen „Ichs“ zugrunde liegen und erklären, wie das Gehirn ein kontinuierliches Bild subjektiver Erfahrung erschafft.

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Quellen

  • Space Oddity: microgravity as a neurocognitive catalyst for transformative consciousness experiences

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