Mitte Juli 2026 stach vom Hafen Harwich (Ostengland) aus eines der ehrgeizigsten Klimaprojekte des Jahrzehnts in See – der britische Eisbrecher RRS Sir David Attenborough mit einer Besatzung von rund 80 Wissenschaftlern und Besatzungsmitgliedern. An Bord befindet sich Ausrüstung für eine sechswöchige Expedition vor die Küsten Grönlands, deren Hauptaufgabe es ist zu verstehen, wie die sich kritisch schnell erwärmenden Gletscher eine der wichtigsten Klimamaschinen Europas verändern: die Atlantikströmung.
Das Projekt trägt den treffenden Namen GIANT – Greenland Ice sheet to AtlaNtic Tipping points (Vom grönländischen Eisschild zu Kipppunkten im Atlantik). Dafür hat die britische Agentur für fortgeschrittene Forschungsprojekte (ARIA) 20 Millionen Pfund Sterling bereitgestellt. Das Projekt hat sich eine schwierige Frage gestellt: Süßwasser von schmelzenden grönländischen Gletschern verdünnt das salzige Meerwasser in den Fjorden und umliegenden Gewässern und stört die Schichtung der Dichte. Genau diese Dichte ist die Hauptpumpe, die Tiefenströmungen nach Norden treibt und Europa erwärmt. Wenn dieser Mechanismus langsamer wird oder ausfällt, könnte sich das Klima des Kontinents radikal verändern – das Paradoxon ist, dass mitten in der globalen Erwärmung lokale Abkühlungen in Europa möglich sind.
Der Hauptakteur der Expedition ist das autonome Unterwasserfahrzeug Boaty McBoatface, das sich bereits vor dieser Mission die Zuneigung der Öffentlichkeit verdient und zur Legende geworden ist. Es ist kein einfacher Roboter: Es ist ein vollautonomes System, das monatelang ohne Oberflächenkontakt arbeiten kann und Tiefen von bis zu anderthalb Kilometern erreicht. In dieser Tiefe, genau in der Zone der intensivsten Mischung von Süß- und Salzwasser, sammelt Boaty wissenschaftliche Daten, die bisher praktisch unmöglich zu erhalten waren. Jede Messung ist ein Fenster in Prozesse, die Klimamodelle bisher mit zu großer Unsicherheit berechnet haben.
Was sich vor Grönland abspielt, ist keine rein lokale Geschichte. Jüngste Hitzewellen in Westeuropa haben gezeigt, wie empfindlich das Wetter des Kontinents auf kleinste Störungen im Ozeansystem reagiert. Der Kapitän des Schiffes, Matt Neill, der zahlreiche Polarexpeditionen miterlebt hat, betont: Das beschleunigte Abschmelzen des Eises und der Rückzug der Eisfront erfordern buchstäblich eine ständige Überwachung. Ohne aktuelle Daten bleiben Vorhersagen grobe Vermutungen, und Politiker und Ingenieure können sich nicht auf die Veränderungen vorbereiten, die sich tatsächlich nähern.
Die von der Expedition gesammelten Daten werden zur Erstellung eines Frühwarnsystems für kritische Veränderungen in den Eisstrukturen Grönlands verwendet. Die Ergebnisse werden den Wissenschaftlern helfen, die Hauptfrage zu beantworten: Wie schnell und in welchem Ausmaß kann es zu einer Verlangsamung der atlantischen Zirkulation kommen? Und vor allem: Lässt sich dies vorhersagen, damit die Menschheit Zeit hat, sich vorzubereiten?
Die Klimageschichte lehrt uns, dass große Veränderungen oft mit kleinen Anfängen beginnen. Die ersten Rinnsale von Süßwasser, die in die grönländischen Fjorde fließen, erscheinen winzig im Vergleich zur Kraft des Atlantiks. Aber durch das komplexe System der Physik und Geometrie der Tiefseeströmungen können diese Rinnsale eine echte Umwälzung auslösen – eine Umwälzung, die die Klimakarten eines ganzen Kontinents durcheinanderwirbeln könnte. Das Verständnis dieser tiefen Zusammenhänge zwischen dem Eis am Ende der Welt und dem Wetter über dem Kopf eines Europäers – darum geht es den Wissenschaftlern auf der RRS Sir David Attenborough in diesen Juliwochen 2026.


