Grönlandhai: Zellbiochemie stellt die Allgemeingültigkeit des Alterns infrage

Bearbeitet von: Aleksandr Lytviak

Der Grönlandhai lebt über vier Jahrhunderte, wobei seine Zellen eine deutlich geringere Neigung zur Akkumulation von Schäden aufweisen als jene der meisten Wirbeltiere. Diese Tatsache an sich erzeugt bereits eine gewisse Spannung: Wenn Altern als unvermeidliche Folge des Stoffwechsels gilt, wie lässt sich dann ein Organismus erklären, der über Jahrzehnte hinweg die Stabilität seines Gewebes ohne sichtbare Anzeichen von Degeneration bewahrt?

Eine im Fachjournal Aging Cell veröffentlichte Studie analysiert die biochemischen Besonderheiten der Zellen von Somniosus microcephalus und identifiziert Merkmale, die mit der Resistenz gegen oxidativen Stress und der genomischen Stabilität verknüpft sind. Die Autoren behaupten nicht, den "Schlüssel zur Unsterblichkeit" entdeckt zu haben, sondern beschreiben lediglich molekulare Eigenschaften, die dem Hai offenbar helfen, typische Alterserscheinungen zu vermeiden.

Anders als bei Labormodellen mit künstlich beschleunigter Alterung stammt das Untersuchungsmaterial hier von Tieren, deren natürliche Lebensspanne bereits in Jahrhunderten gemessen wird. Dies verändert die gesamte Herangehensweise: Anstatt Methoden zur Verlangsamung des Prozesses zu suchen, wollen Forscher verstehen, weshalb dieser bei dieser Art grundsätzlich anders verläuft. Die Daten belegen eine erhöhte Aktivität bestimmter DNA-Reparatursysteme sowie eine spezifische Lipidzusammensetzung der Membranen, obgleich direkte Kausalbelege für die Langlebigkeit noch unzureichend sind.

Besonders aufschlussreich ist die Differenz bei der Rate der Mutationsansammlungen. Während die Anzahl der DNA-Schäden bei Menschen und den meisten Säugetieren fast linear mit dem Alter zunimmt, ist dieser Anstieg beim Grönlandhai deutlich abgeflacht. Man stelle sich eine glimmende Kohle vor, die weder aufflammt noch erlischt: Energie wird verbraucht, doch der Zerfall geschieht extrem langsam. Genau dieses Bild zeichnen die biochemischen Analysen der Haigewebe.

Es ist anzumerken, dass die Studie auf einer begrenzten Probenanzahl basiert und keine funktionellen Experimente an lebenden menschlichen Zellen beinhaltet. Daher bleiben sämtliche Mutmaßungen über eine Übertragbarkeit dieser Mechanismen auf die Medizin rein hypothetisch. Die Finanzierung der Arbeit lässt keine offensichtlichen Interessenkonflikte erkennen, allerdings ist die Datenlage zu langlebigen Knorpelfischen insgesamt noch immer spärlich.

Die Beobachtungen an Grönlandhai-Zellen rufen in Erinnerung, dass Altern kein einheitlicher Prozess mit festem Ablauf ist, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Schadens- und Erholungsraten, die selbst innerhalb der Wirbeltiere stark variieren können. Diese Erkenntnis verspricht zwar keine neuen Therapien, präzisiert jedoch die Grenzen dessen, was wir als biologisch unumgänglich ansehen.

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Quellen

  • Initial study of cellular biochemistry in long-lived Greenland shark

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