Wir sind es gewohnt, das Universum zu betrachten. Jetzt lernen wir, ihm zuzuhören.
Am 16. Juli 2026 präsentierte die Europäische Weltraumorganisation (ESA) die erste Ausgabe der Reihe „Expedition Sound“ – eine außergewöhnliche Reise zu unserer Sonne, basierend auf der Sonifikation von Daten der Solar Orbiter-Mission.
Das ist keine Musik, die über den Kosmos geschrieben wurde. Es sind echte wissenschaftliche Daten, die in den hörbaren Bereich übersetzt wurden.
Sonifikation ermöglicht es, numerische Werte und Veränderungen beobachteter Prozesse in Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe und Rhythmus umzuwandeln. Dadurch nehmen Sonneneruptionen eine hörbare Form an, und die Bewegung eines Raumfahrzeugs verwandelt sich in eine akustische Reisestrecke.
Wie Sonneneruptionen klingen
Solar Orbiter ist eine Mission der Europäischen Weltraumorganisation, die unter Beteiligung der NASA entwickelt und im Februar 2020 gestartet wurde, um die Sonne aus nächster Nähe zu untersuchen.
Das Raumschiff bewegt sich auf einer langgestreckten elliptischen Umlaufbahn um den Stern, nähert sich ihm regelmäßig und beobachtet dabei Prozesse, die von der Erde aus nicht so detailliert untersucht werden können.
Die Grundlage der Ausgabe von Expedition Sound bildet die Sonifikation von drei Jahren Beobachtungen des Solar Orbiters. Dafür wurden Daten von zwei Instrumenten verwendet: Bilder der Sonnenkorona, die mit der Extreme Ultraviolet Imager-Kamera (EUI) aufgenommen wurden, und Informationen über die Röntgenstrahlung von Sonneneruptionen, die vom STIX-Teleskop registriert wurden.
Im Video wird jeder Ausbruch mit einem blauen Kreis markiert und von einem metallischen Geräusch begleitet. Je höher die Energie der registrierten Röntgenstrahlung, desto schärfer klingt der Aufprall.
Ein tiefes Hintergrundrauschen gibt die Entfernung zwischen dem Raumschiff und der Sonne wieder: Es wird lauter, wenn sich der Solar Orbiter dem Stern nähert, und leiser, wenn er sich entfernt. Es scheint, als würden wir die Flugbahn der Raumreise selbst hören.
Es ist wichtig zu verstehen: Dies ist keine wörtliche Aufnahme des Sonnenklangs. Im Weltraumvakuum breitet sich Schall nicht auf die uns bekannte Weise aus. Die Schöpfer der Sonifikation übersetzen Beobachtungen und Messungen in Klangparameter, wobei die in den Daten enthaltenen Veränderungen und Gesetzmäßigkeiten erhalten bleiben.
Wir hören keine erfundene Melodie, sondern eine andere Art, Informationen zu lesen.
Reise zu einem lebendigen Stern
In der ersten Ausgabe von Expedition Sound erzählt Miho Janvier, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Solar Orbiter-Mission, von der Natur der Sonneneruptionen, dem elfjährigen Aktivitätszyklus der Sonne und den Geheimnissen, die die Forscher noch lüften müssen.
Die Sonifikation wurde von Klaus Nielsen vom dänischen Institut DTU Space erstellt, der auch für sein Musikprojekt Maple Pools bekannt ist. Er verwandelte einen jahrelangen Datenstrom in eine Klanglandschaft, in der die Sonne nicht als unbewegliche, leuchtende Scheibe erscheint, sondern als ein lebendiges, dynamisches System – mit ihren Impulsen, Zyklen, Perioden von Spannung und Energieentladung.
Auf dem Bildschirm pulsiert die Sonnenkorona mit Licht. Im Klang entstehen die Einschläge der Eruptionen. Wissenschaftliche Daten verwandeln sich in eine Bewegung, die man nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann.
Und ein ferner kosmischer Prozess wird plötzlich fast greifbar.
Warum die Wissenschaft Klang braucht
Den größten Teil der Informationen über den Kosmos nimmt der Mensch über Bilder, Karten, Zahlen und Grafiken wahr. Klang fügt eine weitere Untersuchungsmethode hinzu: Er hilft, Wiederholungen, Intensitätsänderungen und zeitliche Strukturen zu unterscheiden.
Sonifikation ersetzt andere wissenschaftliche Methoden nicht. Sie ergänzt sie um einen neuen Wahrnehmungskanal und hilft dabei, Zusammenhänge zu erkennen, die in großen Datenmengen verborgen sein könnten.
So wird der Raum zwischen Wissenschaft und Musik zu einem Forschungsraum. Die Daten behalten ihre Struktur, erhalten aber eine Form, die man nicht nur verstehen, sondern auch hören kann.
Was hat das zum Klang des Planeten beigetragen?
Die Sonne begann nicht am 16. Juli 2026 zu klingen. An diesem Tag erweiterte sich der Bereich der menschlichen Wahrnehmung.
In den Sonneneruptionen gibt es keine gewohnte Partitur. Doch in ihnen liegen Energie, Zyklen, Wiederholungen und Pausen – eine tiefere Organisation der Bewegung, aus der das Gefühl für Rhythmus entsteht.
Sonifikation ermöglicht es uns, dem Universum nicht physisch, sondern emotional näherzukommen. Sie gibt dem Klang seine alte Rolle zurück – als Vermittler dorthin, wohin die unmittelbare menschliche Erfahrung noch nicht vordringen kann.
Wir erweitern unsere Wahrnehmung, wenn wir das Universum nicht nur betrachten, sondern auch hören.
Und heute erinnert uns die Musik des Kosmos:
wir leben nicht nur neben der Sonne – wir sind in ihrem Rhythmus, in ihren Zyklen, in ihrer Musik geboren.



