Neue Forschung: Welche Farbe hat Ihre Musik?

Autor: Inna Horoshkina One

Seasonscape | Audiovisuelles Konzert, Chengdu, 2025

Eine Melodie wirkt silbrig. Eine andere ist dicht und dunkelblau. Ein hoher Ton scheint nach oben zu steigen, ein tiefer fühlt sich schwer an. Ein weiches Timbre erinnert an die Berührung von Seide, und ein scharfer Zusammenklang hinterlässt fast einen Geschmack auf der Zunge.

Wir sind es gewohnt, über Musik in bildhafter Sprache zu sprechen: helle Stimme, samtiges Timbre, scharfer Klang, süße Melodie. Doch hinter den schönen Metaphern verbirgt sich ein echtes Rätsel: Gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem Gehör und anderen Sinnen, oder ist dies nur die bequemste Art, Klang zu beschreiben?

Ein neuer systematischer Überblick, veröffentlicht im August 2026, bietet eine Antwort – und sie ist komplexer, als viele dachten.

Was die Übersicht der Studien zeigte

Am 29. August 2026 in der renommierten Zeitschrift Humanities and Social Sciences Communications erschien ein Artikel mit dem faszinierenden Titel: Music Synesthesia or Cross-Modal Correspondences? A Systematic Review of Terminology and Findings in Multisensory Research on Chinese Music.

Die Autoren – Kanghao Chen, Yi Ta Wang und Wenjun Huang – analysierten englischsprachige Studien zur Wahrnehmung chinesischer Musik. Die Suche umfasste einen Zeitraum von zwanzig Jahren: von 2002 bis 2022.

Die Suche nach Informationen nahm viel Zeit in Anspruch. Die Forscher durchsuchten die größten wissenschaftlichen Datenbanken: Web of Science, Scopus, Google Scholar und China National Knowledge Infrastructure. Aus Hunderten von Arbeiten wählten sie nur acht Studien aus den Bereichen Psychologie, Kognitionswissenschaft und Computertechnologie aus – jene, die strengen Einschlusskriterien entsprachen.

Diese acht Arbeiten analysierten die Verbindungen zwischen Klang und anderen Empfindungen:

  • Klang und Farbe;
  • Klang und visuelles Bild;
  • Klang und Geschmack;
  • Klang und Tastsinn.

Die wichtigste Erkenntnis der Übersicht war nicht sensorischer, sondern terminologischer Natur: Die Forscher stellten fest, dass verschiedene Phänomene oft mit demselben Wort bezeichnet werden – Synästhesie. Dies führte zu Verwirrung in der wissenschaftlichen Literatur und erschwert den Vergleich von Ergebnissen verschiedener Experimente.

Echte Synästhesie: Was sie wirklich ist

Bei Synästhesie löst ein Reiz, der von einem Sinnesorgan wahrgenommen wird, unwillkürlich eine Empfindung in einem anderen sensorischen System aus. Eine Person kann jedes Mal eine bestimmte Note als blau sehen oder ein bestimmtes Timbre als Berührung fühlen, und diese Verbindung bleibt ein Leben lang unverändert.

Synästhesie hat vier Schlüsseleigenschaften:

  • sie tritt automatisch auf, ohne bewusste Anstrengung;
  • sie bleibt über die Zeit bestehen – dieselbe Verbindung wiederholt sich immer;
  • sie ist für eine bestimmte Person charakteristisch – die meisten anderen Menschen können sie nicht teilen;
  • sie erfordert keine Vorstellungskraft oder bewusste Entscheidung.

Ein Synästhet wählt die Farbe für einen Klang nicht aus. Die Verbindung entsteht von selbst. Genau diese Unvermeidbarkeit, Beständigkeit und Individualität unterscheiden Synästhesie von gewöhnlichen Assoziationen und kulturellen Konventionen.

Crossmodale Korrespondenzen: Wenn verschiedene Menschen Ähnliches empfinden

Es gibt ein ganz anderes Phänomen, das oft mit Synästhesie verwechselt wird. Es wird crossmodale Korrespondenzen genannt – das sind Verbindungen zwischen den Sinnen, die bei vielen Menschen unabhängig von kultureller Herkunft übereinstimmen.

Beispiele sind wohlbekannt: Ein hoher Ton wirkt oft heller, kleiner oder nach oben gerichtet, ein tiefer Ton dunkler, schwerer oder unten befindlich. Solche Korrespondenzen können zwischen den unterschiedlichsten sensorischen Paaren auftreten:

  • Tonhöhe und Farbhelligkeit;
  • Timbre und visuelle Form;
  • Lautstärke und Größe;
  • Rhythmus und Bewegung;
  • Klang und taktiler Empfindung;
  • Musik und Geschmacksassoziation.

Dabei sieht die Person nicht unbedingt eine echte Farbe vor Augen. Sie spürt intuitiv, dass ein Klang besser zu einer bestimmten Farbe oder Form passt als ein anderer. Dieses Erlebnis kann lebhaft sein, unterscheidet sich aber grundlegend von Synästhesie: Es ist nicht individuell, nicht spontan und nicht unvermeidlich.

Wo der Fehler in der Wissenschaft passiert ist

Von den acht Studien, die in die Übersicht aufgenommen wurden, verwendeten fünf das Wort „Synästhesie“ falsch. Die Autoren dieser Arbeiten beschrieben Phänomene, die ganze Gruppen von Teilnehmern erlebten – also genau crossmodale Korrespondenzen und nicht individuelle Synästhesie.

Der Unterschied scheint ein Detail zu sein, aber für die Wissenschaft ist er entscheidend. Wenn verschiedene Studien denselben Begriff für unterschiedliche Phänomene verwenden, werden die Ergebnisse unvergleichbar. Metaanalysen und systematische Übersichten verlieren ihren Sinn. Wissenschaftliches Wissen wächst langsamer, als es könnte.

Die Autoren der Übersicht glauben, dass diese Verwirrung nicht aus Boshaftigkeit entstand, sondern aus objektiven Gründen.

Warum Wissenschaftler sich irrten

Erstens, der historische Grund. Die Vorstellungen über multisensorische Wahrnehmung haben sich im Laufe der Zeit verändert. Das Wort „Synästhesie“ wurde in verschiedenen Perioden weiter gefasst als heute. Früher bezeichnete man damit jede Verbindung zwischen den Sinnen – sowohl individuelle als auch allgemeine und sogar künstlerische Metaphern.

Zweitens, die Sprachbarriere. Wissenschaftliche Begriffe gehen zwischen Chinesisch und Englisch nicht ganz präzise über. Ein Begriff kann mehrere ähnliche Bedeutungen vereinen, die in einer anderen wissenschaftlichen Tradition getrennt werden.

Drittens, die Psychologie der Wortwahl. Der Ausdruck „crossmodale Korrespondenz“ klingt sperrig und unbeholfen. Das Wort „Synästhesie“ ist kürzer, lebendiger, wiedererkennbarer. Und selbst wissenschaftliche Autoren wählen manchmal den attraktiveren Begriff, auch wenn er weniger präzise ist.

Warum gerade chinesische Musik für eine solche Studie relevant ist

Die Wahrnehmung von Musik wird nicht nur durch die Physik des Klangs bestimmt. Sie wird von Sprache, kulturellem Gedächtnis, künstlerischen Traditionen und der symbolischen Bedeutung von Farben beeinflusst. Derselbe Klang kann bei Menschen aus verschiedenen Kulturen völlig unterschiedliche Bilder hervorrufen.

Chinesische Musik ist für eine solche Analyse besonders interessant, weil sie jahrhundertelang in engem Dialog mit Poesie, Kalligraphie, Malerei und Vorstellungen von Naturelementen stand. Klang und visuelles Bild sind in der chinesischen Ästhetik auf einer tiefen, oft unbewussten Ebene verbunden.

Das bedeutet, dass die Verbindung zwischen Hören und Sehen nicht nur davon abhängen kann, wie unser sensorisches System aufgebaut ist, sondern auch davon, welche kulturellen Erfahrungen ein bestimmter Mensch gesammelt hat. Die Autoren der Übersicht betonen eine wichtige Schlussfolgerung: Zukünftige Forschung sollte diesen Kontext berücksichtigen, anstatt einen universellen sensorischen Code für die gesamte Menschheit zu suchen.

Wie Klang zwischen den Sinnen reist: vier Erklärungen

Die Forschung hat verschiedene Mechanismen vorgeschlagen, die multisensorische Korrespondenzen erklären. Wahrscheinlich sind alle gleichzeitig richtig.

Strukturelle Ähnlichkeit in der Wahrnehmung

Einige Eigenschaften verschiedener Empfindungen haben eine ähnliche innere Struktur. Eine Tonhöhenzunahme und eine Aufwärtsbewegung, eine Lautstärkezunahme und eine Größenzunahme werden als Veränderungen in dieselbe Richtung wahrgenommen. Das Gehirn kann diese ähnlichen Strukturen spontan verbinden, auch wenn sie zu verschiedenen Sinnen gehören.

Emotionale Unterlage

Klang und Farbe können über eine gemeinsame Stimmung verbunden sein. Melodie und Bild scheinen zu passen, nicht weil es eine direkte sensorische Verbindung zwischen ihnen gibt, sondern weil beide einen ähnlichen emotionalen Zustand hervorrufen – Traurigkeit oder Freude, Ruhe oder Erregung.

Neuronale Integration

Auditive, visuelle und taktile Informationen existieren im Gehirn nicht isoliert. Die menschliche Wahrnehmung entsteht durch die ständige Interaktion verschiedener sensorischer Systeme. Das Gehirn integriert Informationen von der frühesten Verarbeitungsstufe an.

Kulturelles Lernen

Verbindungen zwischen Musik, Farbe und Bild können durch Sprache, Kunst, Traditionen und wiederkehrende Symbole erlernt werden. Wir lernen, dass bestimmte Klänge so und nicht anders „aussehen“, und mit der Zeit werden diese Verbindungen fast automatisch.

Die Übersicht wählt keine endgültige Erklärung. Am wahrscheinlichsten ist, dass multisensorische Wahrnehmung gleichzeitig auf mehreren Ebenen funktioniert: sensorisch, emotional, neuronal und kulturell.

Wo die Grenze der Metapher liegt

Wenn wir eine Stimme samtig, einen Klang kalt und eine Melodie hell nennen, beschreiben wir nicht unbedingt Synästhesie. Und doch sind diese Ausdrücke nicht nur Verzierungen der Sprache.

Die Metapher wird gerade deshalb verständlich, weil Menschen in der Lage sind, Verbindungen zwischen verschiedenen Sinnen zu finden. Die Sprache fixiert diese Verbindungen und ermöglicht es, sie einander zu vermitteln. Wir können eine Melodie nicht buchstäblich berühren, und doch verstehen wir intuitiv, was ein weicher Klang bedeutet. Wir sehen kein physisches Licht in der Musik, und doch erkennen wir helle Musik.

Vielleicht erfindet die poetische Sprache keine Verbindungen zwischen den Sinnen, sondern bemerkt, was unsere Wahrnehmung bereits in uns tut – unbewusst und natürlich.

Worauf diese Übersicht keine Antwort gibt

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Arbeit kein neues Experiment und keine Entdeckung eines universellen „Farbwörterbuchs“ der chinesischen Musik ist.

Die Stichprobe ist klein: acht Arbeiten in zwanzig Jahren. Ihre Methoden, Begriffe und Forschungsfragen unterschieden sich deutlich. Daher kann man nicht behaupten, dass die gesamte chinesische Musik bei allen Hörern dieselben Farben, Geschmäcker oder Berührungen hervorruft.

Die Übersicht zeigt etwas anderes: Die Richtung existiert, aber sie benötigt präzisere Konzepte, vergleichbare Methoden und Aufmerksamkeit für kulturelle Unterschiede. Bevor man fragt, welche Farbe Musik hat, müssen sich Wissenschaftler darauf einigen, was genau sie messen: individuelle unkontrollierte Synästhesie, allgemeine Assoziation, Übereinstimmung von Emotionen oder künstlerische Metapher.

Wenn die Sinne aufhören, getrennt zu sein

Wir sind es gewohnt, uns die fünf Sinne als getrennte Räume vorzustellen. Das Auge sieht. Das Ohr hört. Die Haut fühlt. Die Zunge erkennt. Aber die Realität ist komplexer.

Klang kann ein Bild hervorrufen, Farbe kann das Empfinden von Musik verändern, Rhythmus kann Bewegung werden, noch bevor der Mensch ihn begreift. Musik beginnt als Schwingung der Luft, aber in uns setzt sie ihre Reise fort: Sie wird Licht, Form, Bewegung, manchmal – fast eine physische Berührung.

Und doch bleibt die Hauptfrage: Womit nehmen wir Musik wahr, noch bevor wir sie in Klang, Farbe, Bild und Gefühl unterteilen?


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Quellen

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  • DANNI ZHENG – IMMERSIVE EXPERIENCE

  • Integrating Music-Color Cross-Modal Correspondences in World Music Pedagogy

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