Fragen Sie sich einmal selbst: Wann haben Sie das letzte Mal eine romantische Komödie gesehen, ohne bei all der Vorhersehbarkeit zusammenzuzucken? Hollywood produziert seit Jahren Hochglanzgeschichten am Fließband, in denen makellose Menschen vor perfekter Kulisse rein fiktive Probleme wälzen. Doch das französische Kino hütet ein ganz eigenes Geheimnis. Es versteht es meisterhaft, seine Charaktere als echte Menschen aus Fleisch und Blut zu zeigen.
Der auf Netflix erschienene Film „French Lover“ wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Aschenputtel-Märchen mit vertauschten Rollen. Er ist Abel Camara (gespielt vom unnachahmlichen Omar Sy), Frankreichs größter Filmstar, der des Blitzlichtgewitters und der künstlichen Höflichkeiten müde ist. Sie ist Marion (Sara Giraudeau), eine Kellnerin aus einer Pariser Vorstadt, die gerade eine schwierige Scheidung durchmacht. Ein zufälliger Streit in einem Café setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die zwei völlig gegensätzliche Welten aufeinanderprallen lassen.
Man könnte meinen, das alles schon aus „Notting Hill“ zu kennen. Worin liegt also der eigentliche Wert dieses neuen Werks?
Der größte Vorzug des Films ist der konsequente Verzicht auf Kitsch. Die Regisseurin Nina Rives stützt ihre Erzählung auf die beeindruckende Natürlichkeit des Ensembles. Omar Sy versucht gar nicht erst, den typischen, glatten Frauenschwarm zu mimen. Seine Anziehungskraft speist sich aus einer immensen Ausstrahlung, Ironie und einer Verletzlichkeit, die seine Figur mühsam zu verbergen sucht. Auch die von Sara Giraudeau verkörperte Marion zeigt keinerlei Anzeichen einer Opferrolle. Sie gerät angesichts des Status ihrer neuen Bekanntschaft nicht in Ekstase. Vielmehr weiß sie genau, was sie will, und ist keineswegs bereit, ihr echtes, wenn auch mühsames Leben gegen den künstlichen Glanz roter Teppiche einzutauschen.
Diese Geschichte veranschaulicht eindrucksvoll, wie das moderne Kino das Thema persönlicher Grenzen neu verhandelt. Das französische Kino befreit die Liebeskomödie vom toxischen Pathos des gegenseitigen „Rettens“. Die Protagonisten bewahren sich nicht gegenseitig vor der Einsamkeit, sondern lernen vielmehr, unter Wahrung ihrer Autonomie zu koexistieren. Dabei hat die psychologische Glaubwürdigkeit stets Vorrang vor den gängigen Märchenklischees.
Kann die Liebe im Visier hunderter Kameras überdauern, wenn jeder Schritt von Millionen Fremden beurteilt wird? Der Film liefert keine trivialen Antworten, hinterlässt jedoch ein angenehmes Gefühl. Es ist ein leichtfüßiges, ästhetisch anspruchsvolles Werk, das dem Publikum hilft, die Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre neu zu hinterfragen – gerade in einer Zeit, in der fast jeder von uns sein eigenes Leben in den sozialen Medien inszeniert.



