Der ungarische Spielfilm „Silent Friend“ der Regisseurin Ildikó Enyedi ist in den USA sowie in mehreren europäischen Ländern in den Kinos angelaufen und konnte an seinem Eröffnungswochenende trotz einer begrenzten Anzahl an Leinwänden rund 100.000 US-Dollar einspielen. Laut Berichten von Deadline übertraf das Werk damit in den wichtigsten Metropolen die Erwartungen der Verleiher.
„Silent Friend“ ist ein monumentales und meditatives Werk der „Goldener Bär“-Preisträgerin Ildikó Enyedi. Der Film weicht von konventionellen anthropozentrischen Handlungssträngen ab und macht stattdessen einen uralten Ginkgobaum im Botanischen Garten von Marburg zum Protagonisten. Durch die Existenz dieses stummen Zeugen illustriert die Regisseurin den Wandel der Epochen sowie die Zerbrechlichkeit menschlicher Schicksale, indem sie drei Erzählungen aus den Jahren 1908, 1972 und 2020 miteinander verknüpft.
Die filmische Inszenierung lässt das Publikum in einen Raum eintauchen, in dem die Grenzen zwischen Wissenschaft und der Magie der Natur verschwimmen. Im finalen Kapitel des Films verkörpert der herausragende Tony Leung einen Neurowissenschaftler, dessen rationale Überzeugungen bei der Begegnung mit dem jahrhundertealten Baum auf eine harte Probe gestellt werden. Sein Zusammenspiel mit Léa Seydoux erzeugt jene feine emotionale Spannung, die für Enyedis beste Arbeiten so charakteristisch ist. Die visuelle Gestaltung des Films ist der Versuch, die Welt mit den Augen der Pflanze selbst zu sehen: Die Kamera fokussiert den Fluss der Säfte unter der Rinde, das Lichtspiel auf den Blättern und jene kaum wahrnehmbaren Veränderungen der Umgebung, denen Menschen in ihrer Rastlosigkeit keine Beachtung schenken.
Dies ist ein Film für Menschen, die bereit für tiefe Kontemplation und philosophische Gedanken über den Platz des Menschen im ewigen Kreislauf der Natur sind. „Silent Friend“ erzählt nicht bloß eine Geschichte, sondern bietet eine einzigartige sinnliche Erfahrung, die den Betrachter zur Entschleunigung zwingt und ihn dazu einlädt, der Stille zu lauschen, die in Wirklichkeit voller Bedeutung steckt.
Das Werk ist ideal für jene, die das Autorenkino schätzen und sich auf eine langsame Erzählweise einlassen können. Zuschauer, die dynamischere Handlungen bevorzugen, könnten den Film hingegen als zu ruhig empfinden. Da eine Ausweitung des Kinostarts bevorsteht, geben die Ergebnisse der ersten Tage Anlass zur Hoffnung auf weitere Erfolge im Verlauf der Festivalsaison.



