Das Licht des Mondes, der Sterne und Planeten wurde an einen Synthesizer angeschlossen – und der Kosmos wurde hörbar.
Was passiert, wenn man ein Teleskop auf den Vollmond richtet – und es bittet, statt eines neuen Bildes Musik zu übertragen?
Am 19. August 2026 kündigte der amerikanische Musiker Geologist — Brian Weitz, Mitglied der experimentellen Band Animal Collective— das Album The Sirensan, das gemeinsam mit dem Künstler und Lichtforscher Kyle Simon
erschaffen wurde. Diese Musik entsprang nicht allein menschlicher Vorstellungskraft. Bei ihrer Entstehung war das Licht des Mondes, der Sterne und Planeten tatsächlich an der Steuerung des Synthesizers beteiligt.
Das Album erscheint am 16. Oktober 2026 beim Label Outside Time. Sein erstes Fragment — The Opening — lässt bereits den Beginn dieses ungewöhnlichen kosmischen Dialogs hören.
Eine Geschichte, die vor acht Jahren begann
Die Idee The Sirens entstand nicht erst gestern.
Ihre Ursprünge liegen in einer gemeinsamen Performance von Weitz und Simon, die im Jahr 2018 im Integratron stattfand – einem ungewöhnlichen kuppelförmigen Raum in der Wüste von Joshua Tree.
Schon damals nutzte Simon ein Teleskop, um das Licht von Himmelsobjekten einzufangen und in elektrische Signale umzuwandeln, während Weitz die so gewonnenen Impulse in seine elektronische Musik einflocht.
Einige Jahre später griffen sie diese Idee wieder auf.
Im Oktober 2024 wurde das Projekt im Farrington Observatory aufgenommen – Kyle Simons Observatorium, das in der kalifornischen Wüste zwischen dem Joshua-Tree-Nationalpark und dem San Bernardino National Forest liegt.
So wurde das Observatorium zum Studio, das Teleskop zum Teil eines Musikinstruments und der Nachthimmel zum Mitwirkenden der Komposition.
Wie Licht in den Synthesizer gelangt
Das Teleskop wurde mit optischen Sensoren und lichtempfindlichen Detektoren – Fotodioden – ausgestattet.
Wenn Simon es auf den Mond, Sterne oder Planeten richtete, sammelte das optische System das einfallende Licht. Die Fotodioden wandelten dessen Intensitätsschwankungen in ein elektrisches Signal um.
Nach einer Verstärkung gelangte dieses Signal als Steuerspannung in Weitz’ modulares System. In der elektronischen Musik ermöglicht dies die Beeinflussung verschiedener Synthesizer-Parameter:
- Tonhöhe;
- rhythmisches Muster;
- Klangfarbe;
- die Filterarbeit;
- die Entwicklung der musikalischen Struktur.
Es ergibt sich eine erstaunliche Abfolge:
- Der Mond reflektiert das Sonnenlicht.
- Das Teleskop fängt es ein.
- Fotodioden wandeln die Lichtveränderungen in ein elektrisches Signal um.
- Das Signal gelangt in den modularen Synthesizer.
- Der Synthesizer antwortet mit der Bewegung des Klangs.
- Der Mensch hört das Ergebnis dieser Begegnung.
Das Teleskop hört auf, nur ein Auge zu sein, das ins Universum blickt.
Es wird zu einem Übersetzer zwischen Licht und Gehör.
Ist hier der Mond selbst zu hören?
The Sirens — das ist keine wörtliche Audioaufnahme von Geräuschen, die vom Mond oder den Sternen ausgehen. Im Vakuum des Weltraums breiten sich gewöhnliche Schallwellen nicht so aus wie in der Erdatmosphäre.
In diesem Projekt geschieht etwas anderes: Lichtveränderungen werden in ein elektrisches Steuersignal umgewandelt, das auf den Synthesizer einwirkt.
Der Kosmos überträgt keine fertige Melodie und diktiert dem Musiker keine Notenfolge.
Kyle Simon wählt die Ausrichtung des Teleskops. Brian Weitz erschafft das elektronische System und das musikalische Umfeld. Und das Licht der Himmelsobjekte bringt eine eigene Bewegung hinein, die sich nicht vollständig im Voraus vorhersagen lässt.
Wir erleben das Zusammenwirken dreier Akteure:
des kosmischen Lichts, menschlicher Technologie und des Bewusstseins des Musikers.
Dies ist kein Monolog des Menschen über das Universum.
Es ist ein Raum der Interaktion, in dem jeder Teilnehmer das Ergebnis beeinflusst.
Der Kosmos war nicht stumm
Wir sind es gewohnt zu denken, dass Technologien neue Realitäten für uns erschaffen. Doch manchmal tun sie etwas Wichtigeres – sie erweitern die Grenzen unserer Wahrnehmung.
Das Licht des Mondes und der Sterne existierte lange vor der Erfindung von Teleskopen, Fotodioden und Synthesizern. Es bewegte sich durch den Raum, interagierte mit Materie und trug Informationen in sich – nur konnten unsere Gehörorgane diese Bewegung nicht als Musik wahrnehmen.
Wir sahen das Licht, aber wir hörten es nicht.
The Sirens lässt den Kosmos nicht erklingen. Das Projekt übersetzt einen dem Gehör unzugänglichen Prozess in eine Klangsprache, die der Mensch nicht nur mit dem Bewusstsein, sondern auch mit dem Körper wahrnehmen kann.
Das Teleskop wird zur Erweiterung des Auges.
Die Fotodiode – zu einem neuen Sinnesorgan.
Der Synthesizer – zum Bindeglied zwischen Licht und Gehör.
Und hier offenbart sich das Wesentliche:
Das Universum hat nicht in dem Moment angefangen zu klingen, als die Geräte eingeschaltet wurden. Was sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie wir fähig sind, es wahrzunehmen.
Warum The Sirens?
In antiken Mythen lockten Sirenen den Menschen mit ihrem Klang über die Grenzen der bekannten Welt hinaus.
Der Name The Sirens lässt sich als Fortführung dieses Bildes verstehen. Nur kommt der Ruf diesmal nicht von einer mythischen Insel, sondern aus einem Raum, der von Mond- und Sternenlicht erfüllt ist.
Es ist keine geheime Botschaft, die entschlüsselt werden muss.
Der Kosmos bietet einen Impuls.
Die Technologie macht ihn zugänglich.
Der Mensch antwortet mit Wahrnehmung und Kreativität.
Und jeder von ihnen wird zum Mitgestalter des Geschehens.
Das hören, was schon immer erklang
Vielleicht geschieht jede echte Entdeckung genau so – in der Lücke zwischen der Realität und unserer Fähigkeit, sie zu spüren.
Wir erschaffen keine unbekannte Welt. Wir erweitern unsere Wahrnehmung so weit, dass wir jenem Teil von ihr begegnen, der die ganze Zeit schon in unserer Nähe war.
Der Mensch muss das Universum nicht zum Sprechen zwingen.
Manchmal genügt es, den Empfänger einzustellen.
Der Kosmos war nicht stumm – wir hatten einfach nicht den richtigen Adapter.
Und vielleicht besteht der nächste Schritt nicht darin, noch lautere Instrumente zu erfinden, sondern unsere Fähigkeit zu entwickeln, mehr zu hören.
Und dann, vielleicht, muss nicht die Welt lauter werden, sondern wir müssen tiefer werden, um sie zu hören?



