Atmung als Regulator der Vermeidung: Wie Hyperventilation den Umgang mit Erfahrungen verändert

Bearbeitet von: Alex Khohlov

Atmung als Regulator der Vermeidung: Wie Hyperventilation den Umgang mit Erfahrungen verändert-1

Die Atmung – einer der wenigen physiologischen Prozesse, die sich bewusst steuern lassen – kann das Verhältnis des Bewusstseins zur eigenen Erfahrung zeitweise völlig neu ausrichten. Laut einer internationalen Studie mit 324 Teilnehmenden aus 23 Ländern berichteten Personen, die während einer hochintensiven Atemsitzung (Hyperventilation) besonders tiefe veränderte Bewusstseinszustände erlebten, gleichzeitig von einer signifikanten Abnahme ihrer Erfahrungsvermeidung. Dies korrelierte wiederum unmittelbar nach der Praxis mit höheren Werten des psychischen Wohlbefindens.

Die im Juli 2026 in Frontiers in Psychology veröffentlichte Untersuchung stützte sich auf validierte psychometrische Instrumente: die 11-dimensionale Skala für veränderte Bewusstseinszustände (11D-ASC), den Fragebogen zu Akzeptanz und Erfahrungsvermeidung (APEQ-S) sowie die Warwick-Edinburgh-Skala für psychisches Wohlbefinden (WEMWBS). Eine multiple lineare Regression ergab, dass die Intensität der veränderten Zustände eine Verringerung der Erfahrungsvermeidung signifikant vorhersagt, was wiederum bessere Wohlbefindenswerte prognostiziert. Bemerkenswerterweise fungierten emotionale Durchbrüche nicht als vermittelnder Mechanismus; subjektiv schwierige und schmerzhafte Erlebnisse während der Sitzung minderten sogar den schlussendlichen positiven Effekt.

Bisher konzentrierten sich die meisten wissenschaftlichen Arbeiten zu Atemtechniken entweder auf physiologische Marker wie Herzfrequenz, Blutdruck und Blutgaszusammensetzung oder auf den Vergleich mit Meditation und Psychedelika. In der vorliegenden Studie haben Forschende um Lena Erdmann von der Humboldt-Universität erstmals in einer internationalen Stichprobe den Zusammenhang zwischen der veränderten subjektiven Einstellung zu Erfahrungen – konkret der Reduzierung von Vermeidung – und der anschließenden Verbesserung des Befindens innerhalb einer einzigen Sitzung quantitativ belegt, ganz ohne Langzeitbeobachtung.

Aus Sicht der Theorie der prädiktiven Verarbeitung, wie sie von Friston, Clark und Kollegen entwickelt wurde, lassen sich diese Daten mechanistisch erklären. Kontrollierte Hyperventilation destabilisiert vorübergehend die Präzision der interozeptiven Vorhersagen des Gehirns – also der Prognosen über den Zustand des eigenen Körpers. Wenn diese Präzision abnimmt, vertraut das neuronale System seinen Vorhersagen über interne Signale weniger und schenkt ihnen stattdessen mehr Aufmerksamkeit, anstatt sie wie gewohnt automatisch zu ignorieren. Infolgedessen hebt sich die Schwelle, ab der eine Erfahrung als "zu bedrohlich für das Bewusstsein" ausgeblendet wird, temporär an – nicht als Willensakt, sondern als Nebenwirkung einer veränderten Gewichtung der Vorhersagepräzision (Precision Weighting). Dies bedeutet nicht, dass die Atmung neue Erfahrungen aus dem Nichts erschafft, sondern zeigt vielmehr auf, wie die Manipulation körperlicher Vorhersagen die Verfügbarkeit bereits existierender Erfahrungen für das Bewusstsein beeinflusst.

Man stelle sich ein Radiogerät mit einem automatischen Rauschfilter vor, der schwache Sender einfach stumm schaltet. Wenn man gleichzeitig die Gesamtlautstärke erhöht und den Filter lockert, dringen plötzlich Informationen durch das Rauschen, die vorher schlichtweg unhörbar waren. Ähnlich verhält es sich bei der Hochventilation: Der veränderte Zustand erzeugt keine neuen Bewusstseinsinhalte, sondern senkt die Filterschwelle und ermöglicht es der Psyche, Erlebnisse wahrzunehmen, die sie normalerweise als zu unangenehm aktiv unterdrückt.

Methodisch weist die Studie jedoch wesentliche Einschränkungen auf: Sie bleibt eine Querschnittsuntersuchung und stützt sich ausschließlich auf retrospektive Selbstberichte ohne Kontrollgruppe oder objektive physiologische Marker. Daher ist bei kausalen Schlussfolgerungen große Vorsicht geboten, und weitere Überprüfungen sind notwendig. Dennoch verleihen die Ergebnisse der wachsenden Vorstellung empirisches Gewicht, dass durch einfache körperliche Techniken induzierte veränderte Zustände ein wirksames Werkzeug sein können, um Erfahrungsvermeidung zeitweise zu reduzieren – ein Phänomen, das in der klinischen Psychologie traditionell als stabiles Persönlichkeitsmerkmal und Ziel langwieriger Psychotherapien gilt.

Sollten sich derartige Effekte in longitudinalen Studien mit strenger Methodik und bildgebenden Verfahren bestätigen, würde dies die grundsätzliche Frage nach einer Erweiterung der Indikationen für Atempraktiken aufwerfen. Diese könnten dann nicht nur zur Entspannung oder Bewältigung von Panik dienen, sondern auch als Methode zur temporären Umprogrammierung interozeptiver Vorhersagen, die den fundamentalsten aller Prozesse beeinflussen: welche Erfahrungen dem Bewusstsein überhaupt zugänglich gemacht werden.

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Quellen

  • Insights from a Global Study on High Ventilation Breathwork

  • The Altered States Database: Psychometric data from a systematic literature review

  • Acceptance/Avoidance-Promoting Experiences Questionnaire (APEQ) - Wolff et al., 2022

  • Neurobiological substrates of altered states of consciousness induced by high ventilation breathwork accompanied by music

  • An Introduction to Predictive Processing Models of Perception and Decision‐Making

  • Integrative Model for Interoception and Exteroception: predictive coding, points of modulation, and testable predictions

  • Synthesis:11 Dimensions Altered State of Consciousness Questionnaire - EmergeWiki

  • Predictive coding and the predictive brain: a deep dive

  • Internal structure of the action and acceptance questionnaire II (AAQ-II): evidence for a three-factor and bifactor model

  • High ventilation breathwork practices: An overview of their effects, mechanisms, and considerations for clinical applications

  • Frontiers in Psychology — поиск исследований 2026

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