Der Pianist berührt eine Taste – doch der gewohnte Anschlag ist kaum zu hören.
Stattdessen entsteht aus der Tiefe des Flügels allmählich ein Klang. Er scheint aus der Stille hervorzutreten, gewinnt an Kraft, verändert seine Färbung, spaltet sich in kaum wahrnehmbare Obertöne auf und lebt länger weiter, als ein gewöhnlicher Klavierton zu klingen vermag.
Es scheint, als habe das Instrument zu atmen gelernt.
Doch vor uns steht kein Synthesizer und keine computergestützte Nachahmung eines Flügels. Der Klang entsteht im Inneren echter Holzdecken und Metallsaiten – ohne Lautsprecher. Er wird vom Magnetic Resonator Piano erzeugt, einem magnetisch-resonanten Flügel, der die gewohnten Möglichkeiten eines akustischen Instruments mithilfe von 88 Elektromagneten erweitert.
Am 13 Oktober 2026 wird seine außergewöhnliche Stimme im Londoner Konzertsaal Milton Court zum Mittelpunkt eines besonderen Programms: Electronics at Eight: Music for Magnetic Resonator Piano.
Ein Konzert, in dem der Flügel eine neue Dimension eröffnet
Die Hauptinterpretin des Abends ist die Pianistin und Komponistin Xenia Pestova Bennett, eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der Möglichkeiten des magnetisch-resonanten Flügels.
Auf dem Programm stehen bestehende Werke für das Instrument und mehrere Weltpremieren, die von Studierenden und Lehrenden der Guildhall School of Music & Drama geschaffen wurden. Zudem wird eine Komposition von Pestova Bennett selbst für magnetisch-resonanten Flügel, Ensemble und Video präsentiert, aufgeführt gemeinsam mit der Bauhaus Band unter der Leitung des Saxophonisten und Komponisten John Harle.
So wird der Abend nicht bloß zu einer Vorführung einer ungewöhnlichen Technologie. Er ist eine umfassende Erkundung einer neuen Musiksprache – der Versuch zu verstehen, was geschieht, wenn ein vertrauter Flügel die Möglichkeit erhält, den Klang noch nach dem Tastendruck zu verändern.
Warum ein gewöhnlicher Ton endet
Beim traditionellen Klavier setzt der Tastendruck einen Hammer in Bewegung. Er schlägt auf eine Saite – und diese beginnt zu schwingen.
Der Musiker kann die Stärke und den Charakter des ersten Anschlags bestimmen und dann den Dämpfer mit dem Pedal anheben und den Ton länger klingen lassen. Doch nach dem Anschlag selbst vermag er die Entwicklung des Klangs kaum noch unmittelbar zu beeinflussen. Der Ton verklingt allmählich gemäß den physikalischen Eigenschaften der Saite und des Instrumentenkörpers.
Der Geiger hat eine andere Möglichkeit: Indem er den Bogen bewegt, kann er den Klang halten, verstärken, abschwächen, den Druck und die Färbung schon während des Erklingens verändern.
Der Schöpfer des magnetisch-resonanten Flügels, der Komponist und Ingenieur Andrew McPherson, stellte sich die Frage: Lässt sich dem Klavier eine ähnliche Kontinuität verleihen?
So entstand ein Instrument, das die vertraute Tastatur mit einer völlig neuen Art der Saitensteuerung verbindet.
Achtundachtzig unsichtbare Berührungen
Über den Saiten des Flügels sind 88 elektromagnetische Aktuatoren angebracht – entsprechend der Anzahl der Tasten eines Standardinstruments.
Sie bringen die Saiten ohne Hammerschlag zum Schwingen. Das Magnetfeld wirkt wie ein unsichtbarer Bogen: Es kann eine Saite sanft erwecken, ihre Schwingung aufrechterhalten und die Intensität des Klangs verändern.
Dadurch vermag der Flügel Folgendes zu erzeugen:
– ein Klang, der allmählich aus der Stille erwächst;
– ein lang anhaltendes, kontrolliertes Klingen des Tons;
– sanfte Crescendi nach dem Tastendruck;
– deutlich ausgeprägte Obertöne;
– Veränderungen des Timbre;
– ungewöhnliche Tonhöhenverläufe.
Dabei bleibt die Klangquelle vollständig akustisch. Im Saal sind nicht Lautsprecher zu hören, die einen digitalen Effekt wiedergeben, sondern die Saiten selbst und der resonierende Korpus des Flügels.
Die Taste wird zu einer empfindlichen Fläche
Ein wichtiger Teil des Systems ist ein optischer Scanner, der die kontinuierliche Position jeder Taste verfolgt.
Eine gewöhnliche elektronische Schnittstelle erfasst im Wesentlichen zwei Ereignisse: Taste gedrückt und Taste losgelassen. Das neue System sieht den gesamten Bewegungsweg – seine Geschwindigkeit, seine Tiefe und die feinsten Veränderungen.
Deshalb kann selbst eine sehr sanfte Geste, die bei einem traditionellen Flügel den Hammer nicht zum Anschlagen der Saite brächte, einen Klang hervorbringen. Der Interpret erhält die Möglichkeit, ihn buchstäblich mit der Bewegung des Fingers wachsen zu lassen.
Die Elektronik entfremdet den Musiker nicht vom Instrument. Im Gegenteil, sie macht den Kontakt noch empfindlicher: Eine geringe Veränderung der Handposition vermag die innere Bewegung der Saite zu verwandeln.
Eine Technologie, die das Instrument nicht ersetzt
Das magnetisch-resonante Modul lässt sich in einen Konzertflügel einbauen, ohne seine Konstruktion unwiderruflich zu verändern. Das Instrument bewahrt seinen traditionellen Klang und erhält zugleich eine zusätzliche akustische Schicht.
Das ist besonders in einem Moment wichtig, in dem Technologien in der Musik oft als möglicher Ersatz für den Menschen, den Interpreten oder das vertraute Instrument diskutiert werden.
Hier geschieht das Gegenteil.
Die Magnete spielen nicht anstelle des Pianisten. Der Algorithmus trifft nicht für ihn die kreativen Entscheidungen. Das System erweitert lediglich die Verbindung zwischen Finger und Saite und ermöglicht es dem Interpreten, mit dem zu arbeiten, was sich zuvor kaum steuern ließ: mit dem Leben des Tons nach seinem Entstehen.
Der Flügel wird nicht weniger echt. Er entfaltet sich tiefer.
Eine Stimme, die immer schon im Inneren war
Am magnetisch-resonanten Flügel verblüfft weniger die Komplexität der Technologie als ihr Ergebnis: Sie lässt Qualitäten hören, die bereits im akustischen Körper des Instruments angelegt sind.
Die Elektromagnete bringen dem Flügel kein fremdes Timbre. Sie treten in Wechselwirkung mit seinen eigenen Saiten, dem Holz, dem Resonanzboden und dem Luftvolumen. Jede neue Klangnuance entsteht dank der physikalischen Eigenschaften des Instruments selbst.
Das gleicht einem Lichtstrahl, der auf eine Facette eines Kristalls gerichtet wird. Der Strahl erschafft keine Struktur – er macht sichtbar, was bereits im Inneren enthalten war.
So ersetzt auch das Magnetfeld nicht die Stimme des Flügels. Es eröffnet den Zugang zu seinen zuvor unhörbaren Möglichkeiten.
Zwischen Anschlag und Stille
Jahrhundertelang baute die Klaviermusik auf der Berührung und dem darauffolgenden Verklingen auf.
Das Magnetic Resonator Piano schafft einen neuen Raum zwischen diesen beiden Ereignissen. Die Note muss nicht mehr sogleich den Weg zum Verlöschen antreten. Sie kann innehalten, sich entfalten, an Kraft gewinnen und ihre innere Struktur zeigen.
Der Musiker erhält nicht nur mehr Klänge, sondern auch ein anderes Erleben der Zeit.
An die Stelle einer Abfolge kurzer Ereignisse tritt ein kontinuierlicher Strom. Der Interpret hört, wie eine Schwingung sich von innen verändert, mit benachbarten Frequenzen in Wechselwirkung tritt und allmählich den gesamten akustischen Raum verwandelt.
Der Klang wird nicht zu einem Punkt, sondern zu einem Prozess.
Woran hat uns die Musik heute erinnert?
Daran, dass Entwicklung nicht immer den Verzicht auf die frühere Form verlangt.
Manchmal entsteht das Neue nicht anstelle des bereits Bestehenden, sondern durch ein tieferes Entfalten seiner Möglichkeiten.
Der Flügel blieb ein Flügel. Die Saite – eine Saite. Menschliche Hände berühren nach wie vor die Tasten. Doch die neue Wechselwirkung ließ in dem vertrauten Instrument eine ganze Welt hörbar werden, die zuvor jenseits der Grenze der Wahrnehmung geblieben war.
Vielleicht entfaltet sich alles Lebendige so: nicht indem es zu etwas Fremdem wird, sondern indem es immer mehr Facetten seiner eigenen Natur zeigt.
Die Stille zwischen den Noten erwies sich nicht als Ende des Klangs – sie wurde zu einem Raum, in dem sich der Flügel daran erinnerte, wie viel Musik bereits in seinem Inneren lebt.



