Geometrischer Phasenübergang: Das Gehirn könnte weitaus mehr Erinnerungen speichern als bisher angenommen

Autor: Elena HealthEnergy

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Geometrischer Phasenübergang

Stellen Sie sich vor: Ihr Hippocampus – jener kleine Gehirnbereich, der für Gedächtnis und räumliche Orientierung zuständig ist – entwickelt plötzlich Superkräfte. Forschende haben entdeckt, dass in neuronalen Netzen unter bestimmten Bedingungen ein echter geometrischer Phasenübergang stattfindet, woraufhin die Speicherkapazität um das Zehnfache (Modellrechnungen zufolge sogar um das Hundertfache) in die Höhe schnellt.

Klassische Theorien zum assoziativen Gedächtnis besagten lange Zeit: Die Anzahl der Erinnerungen entspricht der Anzahl der Neuronen und Synapsen. Man ging davon aus, dass hier eine natürliche Grenze gesetzt sei. Neue Simulationen zeigen nun jedoch, dass dies bei weitem nicht die ganze Wahrheit ist. Die entscheidende Rolle spielt nicht einfach die schiere Menge an Verbindungen, sondern deren räumliche Organisation – also ihre Geometrie und Topologie.

Laut einem aktuellen Preprint springt das neuronale Netzwerk bei Erreichen einer kritischen „Dichte“ und korrekten Organisation der Verbindungen plötzlich in einen völlig neuen Zustand. Aus einem chaotischen „Nebel“, in dem sich Erinnerungen ständig gegenseitig stören, verwandelt es sich in eine klare, kristallähnliche Struktur. Infolgedessen erhält das Gehirn die Fähigkeit, eine enorme Menge an unabhängigen Mustern nahezu ohne gegenseitige Beeinflussung zu speichern.

Dies ähnelt stark den Vorgängen bei einem Phasenübergang von Materie: Wasser wird plötzlich zu Eis oder ein gewöhnliches Metall zum Supraleiter. In diesem Fall wird jedoch die Geometrie der neuronalen Aktivität „eingefroren“ und geordnet – und wie durch ein Wunder wird das Gedächtnis extrem leistungsfähig.

Sollte sich dies in realen Experimenten an Hirngewebe bestätigen, müssten wir die Lehrbücher grundlegend umschreiben. Theorien des prädiktiven Codierens (das Modell des vorhersagenden Gehirns) erhielten dadurch ein gewaltiges Upgrade: Je mehr unabhängige Erinnerungen ein System speichern kann, desto präziser entwirft es ein Weltmodell und desto weniger Fehler unterlaufen ihm.

Perspektivisch ist diese Entdeckung für zwei Bereiche von großer Bedeutung. In der Medizin könnte sie neue Wege bei der Erforschung von Alzheimer, PTBS und anderen gedächtnisbezogenen Erkrankungen eröffnen. Für die Künstliche Intelligenz bietet sie Ansätze, um Systeme zu entwickeln, die Kontexte länger halten und effizienter mit gewaltigen Informationsmengen umgehen.

Es zeigt sich, dass das Gehirn weit raffinierter und anpassungsfähiger ist, als wir es uns vorgestellt haben. Manchmal braucht es für einen Quantensprung in der Leistungsfähigkeit keine rohe Gewalt in Form von Millionen neuer Neuronen, sondern schlicht die richtige Geometrie. Die Natur hat hier, wie so oft, eine elegante Lösung gefunden.

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Quellen

  • Geometric Phase Transition Enables Extreme Hippocampal Memory Capacity

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